10. Apr. 2026 · 
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Lechner räumt ein: Ich hätte früher über das Deepfake-Video informiert werden müssen

Der Chef der CDU-Landtagsfraktion äußert sich öffentlich zum Deepfake-Skandal. Dabei kritisiert er das Vorgehen des Fraktionsgeschäftsführers und kündigt ein Schutzkonzept an.

Sebastian Lechner räumt Fehler ein. | Foto: Link

Der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Sebastian Lechner, hat sich erstmals in einem Zeitungsinterview zu den Vorfällen rund um ein fingiertes Video mit sexualisiertem Inhalt geäußert, das in einer internen Chat-Gruppe von Mitarbeitern seiner Fraktion verbreitet wurde. „Das macht mich fassungslos, wenn so etwas in der eigenen Mitarbeiterschaft passiert“, sagt Lechner der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ, Freitagausgabe). Er beteuert außerdem, von dem Vorfall erst am Freitag, den 27. März erfahren zu haben. Er sei an diesem Tag von der Parlamentarischen Geschäftsführerin Carina Hermann informiert worden und habe das Video dann auch gesehen. Die mithilfe von Künstlicher Intelligenz hergestellte Videosequenz („Deepfake“ genannt) zeigt eine Mitarbeiterin der Landtagsfraktion leicht bekleidet und in sexualisierter Pose. Lechner selbst bezeichnet das Video im Zeitungsinterview als „eindeutig frauenverachtend und erniedrigend“. Ein Kollege der betroffenen Mitarbeiterin soll das Video angefertigt und in der privaten Chat-Gruppe veröffentlicht haben. Nach Aufforderung des inzwischen freigestellten Fraktionsgeschäftsführers Adrian Mohr, der ebenfalls Mitglied besagter Gruppe war, soll das Video wieder gelöscht worden sein. Nach aktueller Darstellung soll Mohr anschließend in Abstimmung mit der Parlamentarischen Geschäftsführerin dem Urheber des KI-Videos eine Abmahnung erteilt haben. Nachdem der Vorgang Ende März auch gegenüber der Betroffenen bekannt gemacht wurde, ist auch Fraktionschef Lechner über den Fall informiert worden und hat nach eigenen Angaben den betreffenden Mitarbeiter unmittelbar freigestellt und dann fristlos entlassen.

„Ich sage ganz offen: Ich hätte mir gewünscht, dass ich am 19. Januar unverzüglich informiert worden wäre.“

Über die ursprünglich vom Fraktionsgeschäftsführer ergriffene Maßnahme sagt Lechner nun, diese „hätte mir nicht gereicht, aber leider kannte ich den Vorgang zu dem Zeitpunkt nicht.“ Er wird in dem Zeitungsinterview noch konkreter in seiner Schuldzuweisung, indem er erklärt: „Ich sage ganz offen: Ich hätte mir gewünscht, dass ich am 19. Januar unverzüglich informiert worden wäre.“ Dieser Vorwurf richtet sich wohl gegen seinen damaligen Fraktionsgeschäftsführer Mohr, der gegenüber dem NDR erklärt hatte, das Video seinerzeit ungesehen gelöscht zu haben. Zudem verteidigte Mohr sich, er habe die Parlamentarische Geschäftsführerin „umfassend“ informiert. Lechner wiederum nimmt Carina Hermann im Zeitungsinterview in gewisser Weise in Schutz: „Nach meiner jetzigen Kenntnis wurde die parlamentarische Geschäftsführerin damals unvollständig informiert. Weder der Gruppenname noch das Profilbild wurden genannt, und das Video wurde ihr nicht gezeigt.“ Auf die Frage, ob es unüblich sei, dass er als Chef eines vergleichsweise kleinen Betriebs über die Abmahnung nicht informiert worden sei, antwortete Lechner mit einem Wort: „Absolut.“ Offensichtlich habe man damals die Situation anders eingeschätzt und nicht als so dringlich bewertet, mutmaßt er anschließend über die Beweggründe. Dass man womöglich versucht habe, ihn als Chef zu schützen, sei „natürlich ein Fehler“ gewesen.

In der CDU-Landtagsfraktion geht die Aufarbeitung des Vorfalls unterdessen in die nächste Phase. Wie Lechner in dem Zeitungsinterview erläutert, werde man nun „differenziert“ darauf schauen, welche Mitarbeiter sich ansonsten noch in der umstrittenen Chat-Gruppe befunden haben. Bewertet werden solle dabei auch die Rolle, welche die Mitarbeiter dabei jeweils innehatten. Die Gruppe, in der ausschließlich männliche Fraktionsmitarbeiter gelistet waren, trug den Namen „MitGLIEDER“ und zeigte als Profilbild das Foto eines Elefanten mit erigiertem Penis. Unter den Mitgliedern der Gruppe soll sich auch ein enger Mitarbeiter des Fraktionsvorsitzenden befunden haben. Eines der Mitglieder der Gruppe war es allerdings auch, der die Betroffene schlussendlich über das KI-Video informiert hat. Diesen Mitarbeiter wolle die Fraktionsführung nun gegenüber Kritik aus den eigenen Reihen schützen, „weil ganz klar ist, dass dieser Mitarbeiter moralisch richtig gehandelt hat“, sagt Lechner. Um für künftige Fälle dieser Art besser gewappnet zu sein, hat die CDU-Landtagsfraktion die Landtagsvizepräsidentin Barbara Otte-Kinast zur Vertrauensperson gewählt. Sie soll angesprochen werden können, wenn sich Mitarbeiter oder Abgeordnete unangemessen verhalten. Zudem habe die Fraktion eine Projektgruppe eingerichtet, die mithilfe externer Begleitung ein „adäquates Schutzkonzept“ erarbeiten soll. In dieser Projektgruppe arbeiten nach Aussage des Fraktionsvorsitzenden zwei Abgeordnete und zwei Fraktionsmitarbeiter sowie die neue Fraktionsgeschäftsführerin Rita Feldkamp mit.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #068.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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Lechner räumt ein: Ich hätte früher über das Deepfake-Video informiert werden müssen