(rb) Das Thema „Islam“ ist auf eine Weise virulent, wie es sich der Ende des 6. Jahrhunderts in Mekka geborene Mohamed wohl kaum vorzustellen vermochte. Seine im Koran zusammengefassten Gedanken und Prophezeiungen, das nach islamischer Lehre offenbarte Wort Gottes, versetzen heute Staatsmänner in Panik, Militärs und Geheimdienste in Wallung und einen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in paranoide Wahnvorstellungen.
Mohameds Welt war die zwischen Mekka und Medina. Zu Lebzeiten des Propheten kleine Siedlungen, in denen Waren gehandelt wurden. Es war die Welt der Stammeskämpfe und Raubzüge, in welcher auf Befehl Mohameds die zu Bekehrenden im Zweifel mit dem Schwert „überzeugt“ wurden. Auch im Christentum war diese Art der Heidenmission nicht unbekannt. Allein dem Blutgericht, das Karl der Große im Jahr 782 in der Nähe von Verden anrichten ließ, fielen auf diese Weise viele hundert Menschen zum Opfer, die der mächtige Karolinger wegen ihrer Aufmüpfigkeit kurzerhand hinrichten ließ. Heute nun ist die nach dem ehemaligen Kaiser benannte Auszeichnung, der Karlspreis, einer der bedeutendsten Ehrenpreise Europas. Erst kürzlich wurde er dem Papst mit großem medialem Aufwand feierlich in Rom verliehen.
Bislang war der Islam weit weg, und die Anwesenheit der wenigen Muslima und Muslime, die in Deutschland lebten, sind nolens volens hingenommen worden. Nicht gern, denn die Kopftücher wurden nicht ganz zu Unrecht als ein gegen die Gleichberechtigung adressiertes Signal der Unterordnung der Frau interpretiert. Einer Geschlechterrolle, die in Deutschland mühsam abgeschafft und inzwischen sogar von den meisten Machos als sinnvoll erkannt worden ist. Die große Zahl von Flüchtlingen, die bei uns offensichtlich in einer Freiheit leben wollen, die sie in ihren Herkunftsländern nie kennengelernt hatten, veränderte die Lage. Die Anschläge und Morde, die im Namen eben dieser Religion verübt werden, machen den Islam heute zu einer konkreten und ethisch zutiefst abstoßenden Bedrohung. Die Tatsache, dass kein einziges islamisches Land auf demokratische Weise regiert wird, die erbarmungslose Vertreibung von Muslimen durch Muslime, die mit brutaler Unmenschlichkeit ausgetragenen Konflikte und ein höchst fragiles intellektuelles Klima in diesen Staaten, verbunden mit einer gnadenlosen Verfolgung von Christen, machen ein unbefangenes Miteinander schwer. Und auch die schonungslose Islamisierung der Türkei, die nicht ganz wenige in Deutschland lebenden Türken sogar für richtig halten, erschwert vieles.
Christian Wulff hat, aus welchen Gründen auch immer, mit seinem Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland“ die Sache nicht leichter gemacht. Ganz im Gegenteil. Viele fragen sich noch heute, was dieses „gehört zu“ eigentlich heißen soll, denn auch die Pegida „gehört zu“ Deutschland und auch Otto Waalkes „gehört zu“ Deutschland genauso wie Horst Seehofer. Wenn der Ex-Bundespräsident gemeint haben sollte, dass die hier lebenden Muslime heute zu Deutschland gehören, hätte er zweifellos Recht gehabt. Wenn er jedoch gemeint haben sollte, dass unsere Kultur islamisch implementiert ist, dann hätte er nicht Recht gehabt, denn alles das, was wir unter Kultur verstehen, basiert unbestreitbar auf christlichjüdischen und eben nicht auf islamischen Traditionen.
Wer in der Lage ist, in unsere Gesellschaft sensibel hineinzuhorchen, wird feststellen, dass die Sorgen der Menschen wachsen. Diese sogleich in die rechte Ecke des politischen Spektrums zu befördern, ist das Dümmste, was wir unserem liberalen Rechtsstaat antun können. Demokraten sollten Ängste von Bürgerinnen und Bürgern immer ernst nehmen, und zwar selbst dann, wenn sie unbegründet sind. Insbesondere protestantische Theologen bemühen sich dieser Tage darum, ihre Schäfchen um Milde bei der Beurteilung des Islam zu bitten. Kaum ein Seminar oder Gottesdienst vergeht, ohne dass dieses Thema nicht behandelt wird. Der Hannoversche Landesbischof hat sogar den Landtag aufgefordert, den Staatsvertrag mit den Muslimen möglichst rasch abzuschließen.
Selbstverständlich ist es die Aufgabe von Christen, immer wieder nach Wegen zu suchen, um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Sachliche Kritik darf deshalb aber nicht ausgeschlossen werden. Im Gegenteil, sie ist sogar dringend notwendig, denn die Divergenzen zum Christentum, wie z.B. das unterschiedliche Staatsverständnis, die Rolle der Geschlechter zueinander und die Probleme der Gewaltanwendung sind im Islam nach wie vor ungeklärt und heftig umstritten. Wer Kritik am Propheten für sakrosankt erklärt, wird jedenfalls auf Dauer ein Fremdkörper in einem von der Kultur der Reformation und der Aufklärung geprägten Europa bleiben. Und genau das kann niemand wollen. glDieser Artikel erschien in Ausgabe #102.