16. Juni 2026 · 
TagesKolumne

Kleider machen Rathauschefs

Warum ein einfaches Jackett im Celler Amt plötzlich Türen öffnet – und wie man dort im Handumdrehen zum falschen Oberbürgermeister wird. Das verrät unsere TagesKolumne.

Es gibt Kleidung, die verändert den Menschen. Ein Blaumann macht handwerklich begabt. Eine Warnweste verleiht plötzlich Weisungsbefugnis auf Baustellen. Und Hemd und Jackett reichen im Rathaus Celle offenbar aus, damit Besucher davon ausgehen, dass man dort arbeitet.

Ich habe das am eigenen Sakko erfahren können. In meiner kurzen Zeit auf den Fluren und im Foyer fragte mich eine ältere Dame nach dem Weg zur Stadtkasse, ein etwa 30-jähriger Herr beschwerte sich bei mir über den unbesetzten Info-Stand und der neueste Rathaus-Praktikant meldete sich bei mir zum Dienstantritt. Dabei wollte ich eigentlich nur zum Fundbüro.

Man unterschätzt eben doch die Macht eines halbwegs ordentlichen Kleidungsstücks. Wobei ich mir rückblickend nicht sicher bin, ob es tatsächlich nur am Jackett lag. Vielleicht war es auch meine selbstsichere Ausstrahlung. Oder die Art, wie ich durch das Rathaus schlenderte: entspannt, ohne erkennbare Eile und mit jener tiefen Gelassenheit, die man gemeinhin mit einer sicheren Anstellung im öffentlichen Dienst verbindet.

Vermutlich hätte ich auch die Bauaufsicht schließen, die Hundesteuer verdoppeln oder eine neue Einbahnstraßenregelung für die Altstadt verkünden können. Es hätte wohl niemand nach meinem Dienstausweis gefragt.

Beim nächsten Besuch habe ich mir deshalb vorgenommen, auch noch eine Krawatte anzuziehen und mir einen Aktenordner unter den Arm zu klemmen. Denn mit diesem Outfit gehört man im deutschen Behördenkosmos bekanntlich automatisch zur Führungsebene. Ich werde mich dann strategisch günstig in die Eingangshalle stellen und als Stadtoberhaupt ausgeben. Danach folgen Selfies mit Besuchern, spontane Ehrungen und die Verleihung der Goldenen Rathausnadel für besonders gelungenes Warten im Bürgerbüro. Wer sympathisch wirkt, erhält von mir sogar die Ehrenbürgerwürde von Celle. Und wenn der Schwindel bis zum Mittag niemandem auffällt, trete ich bei der Kommunalwahl als parteiloser Überraschungskandidat an.

Ein gut geschnittener Anzug, viel Selbstbewusstsein und ein Klemmbrett – fertig ist die Rathausführungskraft. | Foto: Dmitry Ageev via Getty Images

Doch genug des schönen Scheins. Wenden wir uns nun den harten Fakten und den handfesten Themen der niedersächsischen Landespolitik zu. Wir berichten heute im Rundblick über:

  • Hamburg schnallt den Gürtel enger: Die Haushaltslage des Landes wird ernster. Nun hat das Kultusministerium verfügt, dass alle Einstellungen in der Landesschulbehörde gründlich überprüft werden müssen


  • Das Nitrat-Muster der Saison: Der neuste Nährstoffbericht der Landesregierung zeigt, dass Niedersachsens Landwirte im Nährstoffmanagement immer besser werden. Allerdings scheint das den Gewässern kaum zu helfen.


  • Das Ringen um die Amtskette: Am 13. September sind in vielen Kommunen auch Direktwahlen für das Oberbürgermeisteramt. Es gibt Favoriten – aber auch ganz viele Unsicherheiten über den Ausgang.


  • Personen & Positionen: Miriam Staudte, Andreas Mundt und Benjamin Simon-Hinkelmann.

Ohne Amtsanmaßung, aber mit Maßanzug verabschiedet sich
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #110.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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