22. Juni 2026 · 
TagesKolumne

Keine Angst!

Wer hat Angst vor der Gleichstellungsbeauftragten? Gar nicht so wenige, hat die TagesKolumne erfahren.

„Was, Sie sind die Gleichstellungsbeauftragte?“ Die entgeisterte Frage hört Nadine Nelle gelegentlich. Schwer zu sagen, was ihr Gegenüber wohl erwartet hatte: Eine lila Latzhose? Einen handlichen Reisigbesen, um damit nach Sitzungsende davonzufliegen? Nadine Nelle ist Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Schaumburg und Vorstandsmitglied in der „LAG Gleichstellung“, der Arbeitsgemeinschaft von rund 270 Gleichstellungsbeauftragten im Land. Aber sie ist nicht nur das, sondern auch: Eine Soziologin, die leidenschaftlich daran glaubt, dass man erstmal Daten sammeln muss, bevor man überlegt, welche Stellschrauben man drehen könnte. Eine Kollegin aus dem öffentlichen Dienst, die ihre Kommune voranbringen will. Und nebenberuflich eine Doktorandin, die über die Zukunft der Pflege nachdenkt. Das habe ich im Interview von ihr erfahren, das Sie heute im Rundblick lesen. Aber weil sie „die Gleichstellungsbeauftragte“ ist, scheint es, muss sie manchmal gegen ein Grundmisstrauen anarbeiten: die Bremse zu sein, der „negative Faktor im Raum“, wie ihr jemand mal direkt sagte. „Ich wünsche mir mehr Vertrauen“, appelliert sie im Interview.

Ich habe Nadine Nelle bei der Anhörung zur Novelle des Niedersächsischen Gleichberechtigungsgesetzes (NGG) kennen gelernt. Dort erklärte sie den Abgeordneten geduldig, dass es nicht die Aufgabe von Gleichstellungbeauftragten ist, männlichen Fachkräftenachwuchs im Kindergarten zu fördern. Ihr Job ist, Benachteiligung zu beseitigen – und dass Männer sich für prestigeträchtigere und besser bezahlte Jobs entscheiden, sei keineswegs eine Diskriminierung des männlichen Geschlechts. Die Modernisierung des NGG beschäftigt Niedersachsen nicht erst seit dieser Legislaturperiode. Der Entwurf des Sozialministeriums ist nicht nur deutlich entschärft – manche sagen: „abgeräumt“– worden. Inzwischen ist das Thema ganz von der Prioritätenliste der Landesregierung verschwunden. Ein Fehler, meint Nadine Nelle.

Ein starker Mann wird nicht Chef, sondern soll spinnen wie die Frauen? Horror! Kuratorin Anna Eunike Kobsdaj führt Rundblick-Redakteurin Anne Beelte-Altwig und Christa Karras (v.l.) durch die Sonderausstellung "Weibermacht" im Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braunschweig. | Foto: Kathrin Ulrich, HAUM

Bei der Anhörung saß übrigens Christa Karras hinter mir auf den Zuschauerplätzen. Sie war Anfang der 1990er Jahre Staatssekretärin im neu gegründeten niedersächsischen Frauenministerium und hatte das NGG mit auf den Weg gebracht. Die heute 80-Jährige ist tatsächlich eine Veteranin der lila Latzhose. Mit ihr zusammen habe ich die Ausstellung „Weibermacht“ im Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum angeschaut und gelernt: Die Angst vor einer Machtübernahme der Frauen ist seit Jahrhunderten ein Thema in der Kunst. Übermütige Frauen legen auf diesen Bildern Männern Zügel und Zaumzeug an oder zwingen sie, sich in eine Schar spinnender Mägde zu integrieren. An der Gefühlslage, die aus diesen Bildern spricht, hat sich vielleicht gar nicht so viel geändert. Nadine Nelle meint auch heute noch: Was der Novelle des NGG im Weg steht, hat eine Menge mit Angst zu tun.

Keine Angst brauchen Sie vor der heutigen Rundblick-Ausgabe zu haben:

  • Rente: Eine riesige Reform steht bevor – die Rente soll nach neuen Regeln organisiert werden. Ministerpräsident Lies lässt darüber diskutieren - und warnt vor überstürzten Entscheidungen.


  • Plenar-TV: Die Landtagsdebatten sind gut auf "Plenar-TV" dokumentiert – und zwar auf der Website des Landtages. Es gibt eine Diskussion darüber, die Nutzung für Dritte zu erleichtern.


  • Gleichberechtigung: Gegen die Novelle des NGG gibt es massiven Widerstand. Nadine Nelle, Vorstandsmitglied der „LAG Gleichstellung“, erklärt, warum Gleichstellungsbeauftragte mehr Vertrauen verdienen.


  • Das ist neu: Wenige Tage vor der Haushaltsklausur der Landesregierung verkünden die Koalitionsfraktionen schon mal, was sie auf keinen Fall dem Rotstift zu Opfer geben wollen.

Kommen Sie angstfrei durch den Dienstag!

Ihre Anne Beelte-Altwig

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #115.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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