2. Juni 2026 · 
HintergrundWissenschaft

Investitionsstau an den Hochschulen: Wenn die Infrastruktur die Wissenschaft bremst

Oft liegt es nicht am fehlenden Geld, sondern an den komplizierten Verfahren: In vielen Hochschulen kommen Erneuerungen nicht zügig genug voran. Fachleute beklagen das.

„Wir können kluge Köpfe nicht in Schrottimmobilien ausbilden“, sagt Jörn P. Makko, Hauptgeschäftsführer der Bauindustrie Niedersachsen-Bremen. | Foto: WWW.SCHEFFEN.DE

Auf den naturwissenschaftlichen Bereich seiner Hochschule ist Meik Möllers von der Universität Oldenburg mächtig stolz. "Das ist ein ganz toller Campus, mitten im Grünen. Da macht das Studieren und Forschen so richtig Spaß", sagt der Dezernent für Gebäudemanagement und schwärmt vor allem vom riesigen Foyer mit seiner rund 150 Meter langen Schrägfassade. Doch Möllers erinnert sich auch noch an die zahlreichen 10-Liter-Eimer, die dort noch vor fünf Jahren überall herumstanden. "Das war eine Spende vom Studierendenwerk. Das waren ehemalige Senfeimer, um das Wasser, das vom Dach tropfte, aufzufangen", erzählt er und betont: "Da ist mir wieder eingefallen, was eigentlich beim Universitätsbetrieb besonders wichtig ist – nämlich die Sanierung." Inzwischen ist die Fassade dank Landes- und Eigenmitteln modernisiert worden und hat sogar kleine Photovoltaikmodule bekommen, die Strom erzeugen und für Schatten auf den Studierendenarbeitsplätzen sorgen. "Wenn die finanziellen Mittel bereitstehen und jeder im Team will, kann man schon relativ viele und gute Maßnahmen umsetzen", lautet für ihn die Moral von der Geschichte. Doch in vielen Fällen fehlen sowohl das Geld als auch die Planungskapazitäten. Den aktuellen Sanierungsbedarf der Uni Oldenburg schätzt Möllers auf rund 240 Millionen Euro. Hinzu komme ein Investitionsbedarf von 330 Millionen Euro für den Ausbau der medizinischen Fakultät und ein neues Forschungsgebäude.

Wissenschaftsminister Falko Mohrs (SPD) zuckt bei diesen Summen nicht einmal mit der Wimper. Er kennt die Beträge, die sich beim Sanierungsstau der niedersächsischen Hochschulen angesammelt haben, nur zu gut. 2020 bezifferte eine Studie den Sanierungsbedarf auf 4,3 Milliarden Euro. Heute schätzt Mohrs den Fehlbetrag inklusive Inflation und den Bedarf bei der Universitätsmedizin auf über 10 Milliarden Euro. "Das ist wahrscheinlich konservativ gerechnet und ohne energetische Maßnahmen kalkuliert", betonte der Minister bei der Veranstaltung „Bauen für die Wissenschaft“ in Hannover. Auf Einladung der Bauindustrie hatten sich Landespolitik, Hochschulvertreter und Unternehmer getroffen, um über mögliche Wege im Kampf gegen den Sanierungsstau zu sprechen. "Wir haben uns immer mit einem 'Naja, das geht ja gerade noch' durchgemogelt", kritisierte Mohrs und forderte mit den Worten des ehemaligen MHH-Präsidenten Michael Manns mehr Investitionen in "Bricks and brains" (Steine und Köpfe).

Dass Oldenburg kein Einzelfall ist, machten die Berichte der anderen Universitäten auf dem Podium deutlich. Wie unberechenbar der Sanierungsstau den Alltag beeinträchtigt, erlebte am selben Tag die Technische Universität Braunschweig. Dort musste eine im Architektur-Pavillon geplante Professorenveranstaltung kurzfristig verlegt werden, weil es durch die Decke regnete, berichtete TU-Vizepräsident Dietmar Smyrek. Er bezifferte den Sanierungsbedarf seiner Hochschule inzwischen auf rund 1,3 Milliarden Euro. Dabei gehe es längst nicht mehr nur um die Beseitigung alter Schäden. Viele Gebäude seien inzwischen so alt, dass sie für junge Wissenschaftler kaum noch attraktiv seien. „Wer heute mit 35 oder 40 Jahren als Professor zu uns kommt, muss oft die nächsten 30 Jahre in diesen Gebäuden arbeiten“, sagte Smyrek. Gerade in den Ingenieur- und Naturwissenschaften entscheide die Qualität der Infrastruktur zunehmend darüber, ob Spitzenkräfte nach Niedersachsen kommen oder an andere Standorte wechseln. Selbst wenn plötzlich alle benötigten Mittel bereitstünden, sei das Problem nicht sofort gelöst. „Wir könnten das Geld gar nicht so schnell ausgeben“, warnte Smyrek mit Blick auf fehlende Planungskapazitäten und Fachkräfte.

Jan Sowa (von links), Meik Möllers und Dietmar Smyrek berichten vom Sanierungsstau an ihren Hochschulen. | Foto: WWW.SCHEFFEN.DE

Auch Jan Sowa von der Universität Göttingen sieht den Sanierungsstau nicht nur als Finanzierungsproblem. Der Leiter des Gebäudemanagements verwies auf komplizierte Vergabeverfahren, langwierige Genehmigungen und einen stetig wachsenden Regelungsaufwand. Zwar habe die Politik durch die Erhöhung der Wertgrenzen zuletzt Erleichterungen bei den Vergabeverfahren geschaffen, doch ausgerechnet bei den Fachplanerverfahren seien die Grenzen nicht angehoben worden, was die Planung erschwere. „Wir haben ein Gebäude, wo wir für vier Millionen Euro den Brandschutz ertüchtigen wollen, da muss ich jetzt in ein halbjähriges Vergabeverfahren für Planer gehen – nur weil die Technik so teuer ist", kritisierte Sowa. Gleichzeitig plädierte er dafür, Baumaßnahmen und Vergabeverfahren stärker zu standardisieren. "Nicht jede wissenschaftliche Anforderung müsse automatisch zu einem hochspezialisierten Neubau führen. Oft ließen sich erhebliche Kosten einsparen, wenn frühzeitig hinterfragt werde, welche technische Ausstattung tatsächlich notwendig sei. "Wenn ich nicht bei jedem Bauprojekt überlegen muss, was ich dort verbaue und was ich haben möchte, dann bin ich eben effizienter mit den Maßnahmen", sagte Sowa. Bei Labor- und Forschungsbauten seien die Grenzen der Standardisierung allerdings auch schnell erreicht. "Da kann ich nicht sagen: Ich habe nur zwei Varianten und damit müsst ihr klarkommen."

Diskutieren im Leibnizhaus mit Moderator Christian Wilhelm Link (von links): Jan Sowa, Meik Möllers, Dietmar Smyrek, Frauke Meyer und Alexander Schmehmann. | Foto: WWW.SCHEFFEN.DE

Alexander Schmehmann, Präsident der Hochschule Osnabrück, sieht die Ursachen des Problems ebenfalls nicht allein am fehlenden Geld. "Unsere Hochschule ist überdurchschnittlich leistungsfähig, deutschlandweit sind wir relativ weit vorne", sagte Schmehmann. Von Besuchern werde er deswegen oft mit der Frage konfrontiert: "Ihr kriegt doch bestimmt mehr Geld vom Land?", doch die Antwort laute: "Nein. Aber wir haben mehr Freiheit vom Land bekommen. Seit 2003 sind wir Stiftungshochschule, im technischen Sinne eine L3-Hochschule. Das heißt auch mit Bauherreneigenschaft – und ich glaube, wir haben das gut genutzt", so der Hochschulpräsident.

"Ich plädiere für so etwas wie zehn Prozent weniger nominelle Kapazität, damit wir Mittel freibekommen, um sie in die Qualität zu stecken."

Seine Hochschule habe in den vergangenen Jahren bewusst eigene Mittel in die Infrastruktur investiert und dadurch einen Teil der Gebäude bereits modernisieren können. Dennoch warnte er vor immer höheren Standards und zunehmender Bürokratie. „Wenn wir bei einer Sanierung denselben technischen Anspruch ansetzen wie bei einem Neubau, wird es unfassbar teuer“, sagte Schmehmann. Aus seiner Sicht müsse stärker darüber diskutiert werden, welche Anforderungen tatsächlich notwendig seien. Zudem stellte er die Frage, ob die Hochschulen langfristig überhaupt dieselben Kapazitäten vorhalten müssten wie heute oder ob das Geld nicht effizienter angelegt werden könne. "Die Hochschulen werden nie wieder diese Kapazitäten voll ausfüllen, die sie heute haben. Es sei denn, wir finanzieren mit unseren Steuergeldern die Aufenthalte von ausländischen Studierenden, die teilweise zurückgehen", sagte Schmehmann und ergänzte: "Ich plädiere für so etwas wie zehn Prozent weniger nominelle Kapazität, damit wir Mittel freibekommen, um sie in die Qualität zu stecken – unter anderem in die Infrastruktur." Unterm Strich werde das auch nicht zu weniger Absolventen führen, betonte der Hochschulpräsident. "Es geht nur darum, leere Studienplätze, für die wir jetzt Kapazitäten und auch Mittel vorhalten, in andere Ausgabenposten zu verwandeln, die wir im Wettbewerb benötigen. Das hätte eben den Vorteil, dass wir das vorhandene Geld einfach effizienter einsetzen."

Neben bürokratischen Hürden und veralteten Standards erweist sich der eklatante Fachkräftemangel zunehmend als Nadelöhr für das universitäre Baumanagement. Frauke Meyer, Kanzlerin der Universität Bremen, sieht den öffentlichen Dienst im Wettbewerb um gutes Personal klar im Nachteil: "Und um unsere hochtechnischen Gebäude betreiben zu können, brauche ich besonders gutes Personal in meinem Baudezernat mit sehr vielfältigen Ausbildungen. Eigentlich müsste ich die Besten vom Markt haben, wenn ich mir anschaue, was wir hier alles tun. Und dafür ist der TVL sowas von gar nicht konkurrenzfähig, das ist echt ein Riesenproblem."

Für Meik Möllers steht zudem Planungssicherheit weit oben auf der Agenda. „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre das vor allen Dingen die Kontinuität von Bauvergaben. Was jetzt im Entwurf der neuen Energienovelle steht, dass die Universitäten und Hochschulen ein jährliches Baubudget erhalten, mit dem sie relativ autonom arbeiten können, würde uns gerade bei der Planung und der Sanierung in einzelnen Bereichen sehr helfen.“ Dass Autonomie auch ohne formelle Bauherreneigenschaft funktioniert, beweist Oldenburg bereits beim Klimaschutz. Durch die Deklaration als reine „technische Anlagen“ umging das dortige Gebäudemanagement in eigener Regie langwierige Genehmigungsschleifen und stattete fast alle geeigneten Dachflächen mit Photovoltaik aus. „Wir haben jetzt fast 1400 Kilowatt Photovoltaik-Spitzenleistung installiert. Das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa 300 Vier-Personen-Haushalten und hilft uns massiv bei der Senkung der Energiekosten und des CO2-Ausstoßes“, bilanzierte Möllers den Erfolg pragmatischer Freiräume.

Will sich bei der Sanierung der Hochschulen nicht länger "durchmogeln": Falko Mohrs. | Foto: WWW.SCHEFFEN.DE

Die Landespolitik versucht nun, diesen Rufen nach mehr Pragmatismus, Flexibilität und vor allem Tempo zu begegnen. Wissenschaftsminister Mohrs sieht einen Schlüssel dazu in einer höheren Dezentralisierung: „Die Praxis zeigt, dass Hochschulen in eigener Regie im Schnitt um drei Jahre schneller bauen als das staatliche Baumanagement“, betonte Mohrs und kündigte an, den Standorten über das neue Hochschulgesetz mehr Eigenverantwortung zu übertragen. Wie groß der Handlungsdruck ist, untermauert eine strukturelle Weichenstellung des niedersächsischen Kabinetts, das nur wenige Tage nach der Podiumsdiskussion die Einrichtung einer neuen Referatsgruppe „Personal, Haushalt und Bauangelegenheiten“ direkt unterhalb des Staatssekretärs beschloss. Durch das Herauslösen der Referate aus der klassischen Abteilungsstruktur und den Wegfall einer kompletten Entscheidungsebene sollen Abstimmungsprozesse drastisch verkürzt werden. „Mit der neuen Struktur sollen Bau- und Sanierungsprojekte beschleunigt und die Steuerung zentraler Aufgaben gestärkt werden“, teilte die Landesregierung offiziell mit. Kürzere Entscheidungswege sollen nun dafür sorgen, dass die bereitstehenden Rekordsummen – darunter rund 1,5 Milliarden Euro aus Sondervermögen und Investitionspaketen sowie 500 Millionen Euro für den Hochschulbau – schneller vom Papier in die Umsetzung an den Standorten gelangen.

Dieser Artikel erschien am 3.6.2026 in Ausgabe #101.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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