
Der Neujahrsempfang der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist seit Jahren ein Spiegelbild der aktuellen politischen Stimmungslage. Zwei Reden werden vor den Gästen aus Politik und Verbänden gehalten – vom Landesbischof und vom Ministerpräsidenten. Ihre Botschaften basieren dabei häufig auf dem, was sich zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag in der Weltpolitik entwickelt hat. So ist es kein Wunder, dass Bischof Ralf Meister und Ministerpräsident Olaf Lies auf die in diesem Jahr besonders unruhige, besonders schwer kalkulierbare politische Großwetterlage eingehen: Die USA haben den Diktator eines Nachbarlandes entmachtet und in ihr eigenes Land entführt, Russlands Präsident setzt mit unverminderter Härte den Krieg gegen die Ukraine fort, der US-Präsident erhebt offen Anspruch auf das zu Dänemark gehörende Grönland und in Brandenburg zerbricht eine Koalition, die ohnehin auf tönernen Füßen gestanden hatte. Derweil macht Schneefall in Deutschland die Straßenverhältnisse prekär.

Landesbischof Ralf Meister hat vor allem eine Botschaft an seine Zuhörer: In ernsten und unübersichtlichen Zeiten braucht der Mensch Hoffnung – und Christenmenschen sollten Geschichten der Hoffnung verbreiten. Wenn die regelbasierte Welt wie derzeit aus den Fugen zu geraten scheint, dann dürfe man sich nicht von der Angst leiten lassen. Die Gegenwart sei geprägt von Unsicherheit, geopolitischen Verschiebungen und Kriegen, von der Erosion demokratischer Selbstverständlichkeiten. Gewalt und Stärke könnten die Angst nicht besiegen, die Hoffnung könne es schon. Die Geschichte der Heiligen Drei Könige zeige, wie sehr man mit dem gelebten Glauben an bessere Zeiten Zuversicht verbreiten könne. Hoffnung entstehe mit der Weitergabe von Ritualen und Erzählungen und aus der Pflege von Gemeinschaften. Vernunft und Glaube könnten gemeinsam in die Richtung einer hoffnungsvollen Zukunft wirken.
Ministerpräsident Olaf Lies nannte als Leitmotiv für dieses Jahr drei Botschaften: Erstens brauche man einen klaren Wertekompass, zweitens einen gesellschaftlichen Zusammenhalt und drittens „demokratische Gelassenheit“. In der deutschen Politik werde das Ringen um Mehrheiten zäher, die Einstimmigkeit werde immer seltener. Daraus folge die Aufgabe, sich noch stärker um Kompromisse zu bemühen. Bündnisse aller demokratischen Parteien, gleich ob in Regierung oder Opposition, würden immer wichtiger für die Stabilität der politischen Ordnung. Ihm erschrecke, wie stark in der Bevölkerung das Zutrauen zur Demokratie schwinde. Streit in der Sache sei wichtig, aber das müsse „fair im Ton“ geschehen. Lies nimmt Bezug zur aktuellen Politik der USA und Russlands, dem „Biegen von Regeln bis kurz vor dem Zerbrechen“. Mit Sorge beobachte er, wie sich China gegenüber Taiwan verhalten werde. Die internationalen Krisen erhöhten den Druck auch auf die deutsche Innenpolitik – in der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik. „Klarheit, Verlässlichkeit und Nähe“ müssten die politischen Verantwortlichen zeigen, um das Vertrauen der Bevölkerung in das System zu sichern. Streit um den richtigen Weg sei nötig, dürfe aber nicht verletzend werden. Das Ehrenamt und das gesellschaftliche Engagement vieler Menschen müsse unterstützt werden, Stimmungsmache gegen Minderheiten müsse unterbunden werden. Er wünsche sich die Kirche als „Werte- und Praxispartner“. Kirche dürfe nicht Partei oder Wahlkampforganisation sein, aber sie müsse Haltung zeigen. „Ich erwarte, dass Kirche sich einmischt, wenn die Menschenwürde angegriffen wird, wenn Ausgrenzung salonfähig werden soll, wenn Antisemitismus und Hass wachsen“, betonte Lies und grenzte sich so von früheren Positionen der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ab. Ein gutes Zeichen dafür, wie das gelingen kann, sei der gemeinsame christliche Religionsunterricht in Niedersachsen.


