5. Juli 2020
Finanzen

Hohe Kreditaufnahme für 2020 stößt auf Missfallen der Finanzkontrolle

Die Finanzpolitiker überschlagen sich gerade. Heute wird das Kabinett den Etatentwurf für das kommende Jahr aufstellen. Parallel streiten die Landtagsfraktionen gerade über den zweiten Nachtragshaushalt für 2020 – jenes Paket, das neue Schulden im Umfang von 7,8 Milliarden Euro vorsieht, vorwiegend zur Deckung der erwarteten Steuerausfälle. Zusammen sind das für dieses Jahr immerhin 8,8 Milliarden Euro an neuen Krediten. Die Schuldenuhr des Steuerzahlerbundes, die im CDU-Fraktionssaal aufgehängt ist, dreht sich derzeit immer schneller.
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Unterdessen melden sich jetzt die ersten kritischen Stimmen von fachlicher Seite. Im Haushaltsausschuss des Landtags hat der Landesrechnungshof (LRH), die unabhängige Finanzkontrollbehörde des Landes, scharfe Kritik an den Planungen vorgetragen. LRH-Präsidentin Sandra von Klaeden nahm vor allem Anstoß an den 6,4 Milliarden Euro, die über die Ausnahmebestimmung der Landesverfassung wegen einer „Notsituation“ an Krediten aufgenommen werden sollen. Daneben gibt es noch weitere 1,4 Milliarden Euro an neuen Schulden, die zum Ausgleich der Konjunkturschwäche dienen sollen. Von Klaeden meinte, wenn das Land laut Verfassung Kreditverpflichtungen in einer Notsituation eingehen wolle, müsse es zuvor „alle anderen Finanzierungsalternativen ausgeschöpft“ haben. Das eigentlich geltende Nettokreditaufnahmeverbot bedeute nämlich, vor dem jetzt geplanten Not-Griff in die Kasse alle anderen Sparmöglichkeiten genutzt haben zu müssen. Hierzu erwähnt die LRH-Präsidentin, dass im Etat noch Rücklagen von 1,2 Milliarden Euro vorhandenen seien, die Finanzminister Reinhold Hilbers nicht antasten wolle – es aber aus Sichtweise des LRH rein rechtlich tun müsse. Daneben gebe es noch eine Versorgungsrücklage für die Pensionen, die man auch einsetzen könne. Von Klaeden schlug zudem vor, für die Digitalisierung, die energetische Sanierung und den Ausbau der Elektromobilität zunächst die schon bestehenden Töpfe im Landesetat (für Digitalisierung und Wirtschaftsförderung) anzuzapfen, bevor man nun das neue „Sondervermögen Corona“ mit weiteren Krediten für diese Zwecke anreichere und damit die Gefahr von „Mehrfachförderungen“ riskiere. Schließlich rügt von Klaeden den Plan, eine bisher nicht näher definierte Ausgabe von 500 Millionen Euro im Etat als „Reserve“ vorzusehen. Das widerspreche der Vorgabe, jeden Ansatz im Haushalt im Detail konkret und transparent benennen zu müssen.

Große Koalition weist Vorwürfe zurück

Die Haushaltspolitiker von SPD und CDU wiesen die Kritik zurück. Ulf Thiele (CDU) meinte, die Rücklage und der nicht näher definierte 500-Millionen-Sondertopf seien nötig zur Vorsorge. Unklar sei nämlich, ob die Steuerschätzung im September weitere erhebliche Einbrüche aufzeige, auf die das Land dann kurzfristig reagieren müsse. Unklar bleibe auch, ob viele Klagen gegen das Land wegen der Corona-Einschränkungen zu zusätzlichen Entschädigungszahlungen führen werden. Auch andere, von Corona unabhängige Risiken, etwa die Gerichtsverfahren zur Beamtenbesoldung, kämen noch hinzu. Thiele sieht zudem mit Sorge, dass klamme Kommunen oder Firmen beim Breitbandausbau die Geschwindigkeit drosseln könnten – und das Geld dann nicht reiche, parallel auch die Landesverwaltung auf Online-Dienste umzustellen. Auch Frank Henning (SPD) rechtfertigte den Plan, im Nachtragshaushalt Puffer und Reserven anzulegen. Er hielt darüber hinaus dem Rechnungshof vor, mit seinen Vorschlägen zu strikter Sparsamkeit die ländliche Struktur in Niedersachsen zu schwächen. „Die SPD lehnt es beispielsweise ab, kleine Amtsgerichte und Finanzämter aufzulösen“, hob Henning hervor. Christian Grascha (FDP) lobte die Kritik der LRH-Präsidentin, Peer Lilienthal (AfD) überwiegend ebenfalls. Stefan Wenzel (Grüne) sprach von der Bedrohung weiterer, auch langfristiger negativer Folgen für die stark exportabhängige Wirtschaft in Niedersachsen. Daher sei der Vorschlag des DGB, über einen Sonderfonds die Infrastruktur unter Umgehung der Schuldenbremse großflächig mit neuen Krediten zu finanzieren, ein erwägenswerter Weg.

„Eine Milliarde für die Krankenhäuser nötig“

Anders als der Landesrechnungshof zeigten sich die Kommunalverbände überwiegend zufrieden mit dem Nachtragshaushalt der Regierung. Was den Investitionsbedarf in den Kliniken angehe, rechnen die Kommunen mit „einer Milliarde Euro, die für Ersatzbauten in den kommenden fünf Jahren nötig werden“, betonte Prof. Hubert Meyer, Hauptgeschäftsführer des Landkreistages. Die Kommunen wollten zudem einen dauerhaften Betrag von jährlich elf Millionen Euro für EDV-Administratoren, die zur Stärkung der Online-Aktivitäten der Kommunen unerlässlich seien „Wir haben gesehen, dass immer stärker Video-Konferenzen und auch Home-Schooling unsere Welt prägen werden“, sagte Marco Trips, Präsident des Städte- und Gemeindebundes. Städtetag-Geschäftsführer Dirk Mende meinte, allein die niedersächsischen Oberbürgermeister schätzten für ihre Kommunen, also die größeren Städte im Land, Corona-bedingte Einnahmeausfälle von 405 Millionen Euro in Stadtwerken, Verkehrsbetrieben, Wohnungsbau, Bädern und Häfen. Riesige Probleme haben offenbar die Verkehrsbetriebe, die weniger Menschen befördern und damit erhebliche Einnahmeverluste verbuchen. „Dabei wollten wir jetzt eigentlich nicht über das günstige Schülerticket reden“, sagte Meyer. (kw)
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #126.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter