Schlitten raus, ab in den Harz - Foto: mooses63[/caption]
Das Besondere am Harz, sagt Braunlages Bürgermeister Stefan Grote, ist die Lage: „Eigentlich grenzt hier keine Stadt so richtig an die andere, es liegen immer ein paar Kilometer Wald dazwischen.“ Vielleicht stehen die Leute aus dieser Region deshalb im Ruf, eigenbrötlerisch zu sein, vielleicht hört man deshalb auch so oft das Vorurteil, hier denke jeder nur an sich – und nicht an die Region. Aber stimmt das überhaupt? „Nein“, sagt der Sozialdemokrat Grote, „es gibt auch gute Beispiele“. Mit einer Stadt hat Braunlage tatsächlich eine direkte Grenze – nämlich mit Schierke in Sachsen-Anhalt. Es ist eine kommunale und eine Landes-Grenze. Früher war die Stadt Schierke selbstständig, heute gehört sie zu Wernigerode, dem blühenden Zentrum des Ostharzes. Auf dem Wurmberg, dem höchsten Berg Niedersachsens, stoßen die beiden Kommunen aneinander. Das bringt natürlich ständigen Meinungs- und Gedankenaustausch mit sich, und mit seinem Kollegen, dem Wernigeröder Oberbürgermeister Peter Gaffert, kommt Grote tatsächlich oft zusammen. „Wir haben einen kurzen Draht und können über vieles diskutieren“, sagt Grote. Vieles können sie schnell lösen, einiges aber nicht.
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Frei von Konflikten jedoch ist der Ost-West-Diskurs im Harz nicht. Als 2006 die beiden Nationalparke fusionierten, hörte man viel über „Mentalitätsunterschiede“, die teilweise in der forstwirtschaftlichen Ausbildung begründet waren. In Sachsen-Anhalt dominiert noch der Fichtenwald, in Niedersachsen hatte man nach verschiedenen Sturmkatastrophen in den siebziger und achtziger Jahren die Kurswende eingeleitet und den Mischwald als Ziel protegiert. Wie stark soll man nun den Borkenkäfer bekämpfen? Die Ostdeutschen neigten zu radikalen Schritten, die Westdeutschen, womöglich wegen der stärker ökologischen Prägung, plädierten für Zurückhaltung – wirkten aber andererseits bei Streitfragen um Tourismus und Naturschutz kompromissfähiger und geschmeidiger.
Aktuell ist es nun ein Fremdenverkehrsvorhaben, das die Gemüter teilt. Die Idee heißt „Ski-Arena-Harz“, ist ein 15-Millionen-Projekt und besteht aus einer Seilbahn, die von Schierke auf den Wurmberg führt. Als Investor tritt ein vermögender, 80 Jahre alter Baustoffhändler aus Hildesheim auf, der den Tourismus beleben möchte – und aus Wernigerode Unterstützung erfährt. Ein erster Plan sah vor, den Winterberg, im Osten gelegen, in das Vorhaben einzubeziehen. Das hätte dann den Ansturm auf den Wurmberg entlastet, ein Schritt, der durchaus im Sinne von Braunlage gewesen wäre. Doch dann wurde dieser Teil aus den Plänen entfernt, sodass sich alles auf den Wurmberg konzentriert – und das beobachtet man im Westharz eher distanziert. Denn seit den sechziger Jahren gibt es hier schon eine Seilbahn, die von Braunlage bis auf den höchsten Berg Niedersachsens führt. Im Winter, wenn viel Schnee liegt und die Skifahrer den Ort bevölkern, laufen die Geschäfte hervorragend. Für den Sommer gilt das weniger, gut zwei Monate im Jahr liegt die Anlage wegen technischer Überprüfung still – und immer dann, wenn der Wind ab Stärke acht bläst, kann sie auch nicht betrieben werden. Und Sturm gibt es hier öfter mal.
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Da der kleinere Winterberg ausgeklammert wurde, wirkte das Projekt aus Schierke nicht mehr wie eine – anfangs erhoffte – Entlastung für den Wurmberg, sondern als Konkurrenz für die alte Wurmberg-Seilbahn, an deren Betrieb Braunlage immerhin zu 17 Prozent beteiligt ist. Was würde geschehen, wenn die Leute die neue Anlage in Schierke nutzen, die einen kürzeren Weg zum Berg zurückliegt und deshalb womöglich günstigere Fahrkarten anbieten kann? Der Geschäftsführer der alten Wurmberg-Seilbahn rechnete vor, dass sich beide Anlagen gegenseitig die Kunden streitig machen könnten, dass also Insolvenzen drohten. Immer mehr Vorbehalte wurden in der Debatte laut, und so kam ein im Osten erhoffter Kooperationsvertrag nicht zustande, wurde im vergangenen Jahr vom Rat der Stadt Braunlage gestoppt.
Ob nun Wernigerode auf eigene Faust den Plan verwirklicht, scheint noch unklar. In der sachsen-anhaltinischen Regierungskoalition ist das Vorhaben keineswegs unumstritten, und das liegt an einigen Flächen, die zwar keinen Nationalparkstatus mehr haben, gleichwohl aber als FFH-Gebiete nach Brüssel gemeldet wurden. Wald- und Moorgebiete mit einzigartiger Flora und Fauna sollen dazugehören, und die Umweltministerin Claudia Dalbert von den Grünen plädiert für den Schutz des Gebietes, während sich die Regierungspartner von SPD und CDU, Wirtschaftsminister Armin Willigmann und Staatskanzleichef Rainer Robra, für den Tourismus in die Bresche werfen. Wie der Streit ausgeht, ist unklar – auf jeden Fall wirkt er verzögernd. Zum Ärger der Politiker in Braunlage wird das nicht sein. (kw)

