20. März 2017
Kommentar

Es geht nicht um Zäune, sondern um Ängste

Darum geht es: Die Rückkehr des Wolfs nach Niedersachsen hat Freude, zunehmend aber auch Angst ausgelöst. Weidetierhalter fühlen sich im Stich gelassen, Bürger sind besorgt. Das Umweltministerium will mit Geld helfen, sieht den Abschuss von Wölfen aber als letzte Lösung. Ein Kommentar von Isabel Christian. Der Umweltsprecher der Grünen, Volker Bajus, stellte gestern im Umweltausschuss des Landtags fest, dass Regierung und Opposition in Sachen Wolf eigentlich weitgehend ohne Streit seien. „Wir sind uns einig, dass etwas für Nutztierhalter, etwas zum Erhalt der Art und etwas zum Zusammenleben von Mensch und Wolf getan werden muss“, konstatierte er. Die Differenzen steckten lediglich im Detail. Auf der technischen Ebene ist das eine gute Beobachtung. Doch wer die Diskussion um den Wolf in den vergangenen Monaten im Land verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass es hier nicht in erster Linie um Finanzhilfen und Zaunhöhen geht. Sondern um Gefühle. Genauer gesagt: um die Angst vor dem Wolf. https://soundcloud.com/user-385595761/umgang-mit-dem-wolf-umweltministerium-will-weidehalter-starker-unterstutzen In der Zeit, in der Menschen und Wölfe koexistierten, haben sich die Menschen vor den Wölfen gefürchtet. Aus gutem Grund, denn Wölfe sind Raubtiere. Sie mögen scheu gegenüber dem Menschen sein und seine Gegenwart meiden. Doch wie jedes Raubtier gehen sie zum Angriff über, wenn sie sich oder ihre Jungen in Gefahr wähnen oder ihre Beute verteidigen wollen. Ende des 19. Jahrhunderts starben Wölfe in Mittel- und Westeuropa aus, und seitdem kennt man in Norddeutschland Raubtiere, die einem gefährlich werden können, nur aus dem Zoo. Bisher streifte in den niedersächsischen Wäldern nichts herum, vor dem man sich hätte in Acht nehmen müssen. Auch die Weidetierhalter beschäftigten jahrzehntelang andere Sorgen. War der Knotengitterzaun nicht stark genug, stand das Tier beim Nachbarn im Feld und fraß genüsslich dessen Kohl. Heute ist der Wolf wieder da, und so ist ein zu schwacher Zaun die weit geöffnete Eingangstür zum Selbstbedienungsladen dieser Raubtiere. Die eifrig angebotene Hilfe für Viehhalter und das große Zögern bei radikalen Maßnahmen zeigen, dass man auch im Umweltministerium nicht so genau weiß, wie man mit der Angst vor dem Wolf umgehen soll. Denn die instinktive Emotion bei den Menschen hat die wolflose Zeit überlebt, das Wissen um den Umgang mit dem Raubtier eher nicht. Aber Angst kommt man nicht technischen Details bei, sondern am ehesten mit Aufklärung. Mit einer Wanderausstellung, die im Mai im Landesmuseum beginnt, unternimmt das Ministerium zumindest einen zaghaften Schritt in diese Richtung. Doch das reicht noch nicht. Die Bürger müssen stärker und umfangreicher an den Wolf herangeführt werden und lernen, wie man sich gegenüber diesem Tier verhält. Eine besondere Bedeutung kommt hier den Wolfsberatern zu. Sie müssen Kindern beibringen, dass sie beim Anblick eines Wolfs nicht panisch wegrennen dürfen, sondern vorsichtig rückwärtsgehen sollen. Sie müssen Jägern beibringen, Reste ihrer Beute nicht achtlos in Häusernähe liegen zu lassen. Und sie müssen Wanderern beibringen, nicht querfeldein zu laufen und damit vielleicht eine Wolfsmutter und ihre Jungen in Bedrängnis zu bringen. Mit über hundert Engagierten hat Niedersachsen momentan mehr Wolfsberater als Wölfe. Das ist ein gutes Zeichen. Doch die werden momentan unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit vor allem dann gerufen, wenn jemand glaubt, einen Wolf am Dorf gesehen zu haben. Das wiederum trägt nicht gerade zur Beruhigung bei. Natürlich muss das Ministerium jeden Fall von abnormem Verhalten eines Wolfs genau prüfen. Doch zur Bekämpfung der Angst trägt auch bei, dass ein Wolf, der negativ auffällt, schnell die Konsequenzen zu spüren bekommt. Er muss nicht „letal entnommen“ werden, wie das Töten eines Wolfes im Behördendeutsch abschwächend umschrieben wird. Aber lernen muss der Wolf, dass er mit Recht Scheu vor dem Menschen hat. Das geht nur, wenn man aufsässige Tiere möglichst schnell vergrämt. Er soll gar nicht erst in Versuchung kommen, das vermeintlich einfach zu erbeutende Schaf auf der Weide gegen das Wild auf seinem Speiseplan zu tauschen. Und er soll auch nicht auf die Idee kommen, an den Dorfrand umzusiedeln, um hier in den Mülltonnen nach Essensresten zu kramen. Menschen und Wölfe haben wieder begonnen, sich einen Lebensraum zu teilen. Wenn der Mensch sich dadurch an gewisse Spielregeln zu halten hat, dann muss der Wolf es auch. Notfalls muss man ihn eben daran erinnern. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #54.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning