Das Meer wurde an diesem Donnerstag zum heimlichen Sehnsuchtsort vieler Parlamentarier. Es bedurfte nicht erst des Hinweises von Tagungspräsident Marcus Bosse (SPD), dass es im Plenarsaal immer heißer wurde. Die Störung in der Lüftungsanlage hatte sich auch so schon bemerkbar gemacht. Vielleicht war es Schicksal oder gut gemachte Landtagsregie: Kurz vor der parlamentarischen Mittagspause konnte sich jedenfalls jeder, der noch zuhören wollte, zumindest gedanklich an den Nordseestrand träumen.

Er hat sich das nicht ausgesucht. Und doch wurde Buckelwal Timmy schließlich sogar im niedersächsischen Landtag zum politischen Symbol hochgejazzt. Die sterblichen Überreste des Meeresbewohners, der ja tatsächlich ein Weibchen gewesen ist, wurden längst fachmännisch zerlegt, verarbeitet oder entsorgt. Auf Antrag der Grünen wurde der Walkadaver nun kurz vor der Sommerpause doch noch einmal an die parlamentarische Brandung gespült. Hopes Tod muss nicht umsonst gewesen sein, wenn er uns an das Leiden seiner Artgenossen und des gesamten maritimen Lebensraums erinnert.
Beinahe hätte das Meeresrauschen etwas Mystisches entwickeln können. Als da von Geisternetzen und Ewigkeitschemikalien gesprochen wurde, sah der langsam wegdämmernde Journalist eine russische Schattenflotte durch die fernen Nebelschwaden gleiten. Geweckt wurde er wieder von der Erinnerung an Schlachtrufe längst vergangener Debatten. Vor gefühlten Ewigkeiten, tatsächlich aber nur wenige Stunden früher hatten die Matrosen auf der CDU-Galeere noch im Takt des Steuer-Schünemanns rhythmisch gerufen: „Das Land ist groß, die Regierung klein.“
Ob Umweltminister Christian Meyer (Grüne) den gestrandeten Wal nun Timmy oder Hope genannt hätte, wie sein Amtskollege Till Backhaus (SPD), das haben wir nicht erfahren. Eher ausweichend war seine Antwort auch auf die Frage, wie er denn dem verlorenen Tier geholfen hätte, wäre es durch den Nord-Ostsee-Kanal zur niedersächsischen Nordseeküste geschwommen. Vielleicht sind das aber auch einfach nicht die wichtigen Fragen. Nicht heute, und überhaupt. Wir haben stattdessen heute diese Themen für Sie aufgeschrieben, die größtenteils erst in der parlamentarischen Mittagspause verhandelt wurden:
Verschaffen Sie sich eine Abkühlung!
Ihr Niklas Kleinwächter


