17. Apr. 2018
Soziales

„Eine Landarztquote kann sinnvoll sein für Niedersachsens Gesundheitsversorgung“

Welches sind die sinnvollen Strategien gegen den Ärztemangel auf dem Land? Und wie vermeidet man es am besten, dass sich Kommunalpolitiker an kleinen und schlecht ausgestatteten Krankenhäusern festklammern, obwohl die Versorgung in größeren Kliniken sehr viel besser ist? Die Sozial- und Gesundheitsministerin Carola Reimann äußerte sich im Interview mit Martin Brüning beim Besuch der Redaktion des Politikjournals Rundblick. [caption id="attachment_31977" align="alignnone" width="780"] Sozialministerin Carola Reimann im Gespräch mit Rundblick-Redakteur Martin Brüning. Foto: Christian[/caption] Rundblick: Frau Reimann, Sie haben die glamouröse Bundesebene eingetauscht gegen die Landespolitik in Hannover. Damit haben Sie als Braunschweigerin einen kürzeren Weg zur Arbeit. Aber vermissen Sie nicht den Berliner Politikbetrieb? Reimann: Nein, ich habe Berlin nie als glamourös empfunden. Was mich gereizt hat, ist der Wechsel von der Legislative zur Exekutive – also die Chance, bestimmte Fragen auch stärker gestalten zu können. Das ist eine tolle Aufgabe, zumal ich in der Landespolitik noch stärker spüre, wie politische Entscheidungen ganz praktisch umgesetzt werden und wirken können. Rundblick: Nun gehört der Ärztemangel zu den größten Problemen in Niedersachsen. In zwölf Jahren wird jeder fünfte Arzt, der heute noch praktiziert, in den Ruhestand gegangen sein. Welches Rezept haben Sie dagegen?  Reimann: Das ist nun mal die demographische Entwicklung. Sie wirkt in der Gesundheitsversorgung doppelt: Einerseits die lange Ausbildungszeit der Mediziner, die geringe Zahl von Absolventen und die Schwierigkeit, ausreichend viele von einer Tätigkeit auf dem Land zu überzeugen – und auf der anderen Seite die wachsende Zahl an Älteren und Hilfsbedürftigen, die ärztliche Angebote oder Pflege benötigen. https://soundcloud.com/user-59368422/brauchen-wir-eine-landarztquote-frau-reimann Rundblick: Im Koalitionsvertrag ist etwas technokratisch von der „Implementierung von Anreizsystemen“ die Rede. Was heißt das? Reimann: Wir haben eine strategische Partnerschaft mit der Kassenärztlichen Vereinigung, die für die Versorgungssicherheit in Niedersachsen zuständig ist. Dort bemühen wir uns, den Beruf des Landarztes attraktiver zu gestalten. Allerdings sollte man sich auch vor vorschnellen Einschätzungen hüten. Sicher gibt es viele junge Leute, die es in die Städte zieht und die nur dort als Arzt arbeiten wollen. Dagegen aber steht auch eine gewisse Sehnsucht nach dem Landleben. Wer als Landarzt arbeitet, hat auch die Möglichkeit, für sich ein Leben auf dem Lande zu verwirklichen. Das sollten wir nicht zu gering schätzen.
Mein Ministerium fördert Kliniken nur dann, wenn sie bereit sind zur Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Gesundheitseinrichtungen. Sind sie es nicht, dann gibt es von uns keine Unterstützung.
Rundblick: Aber ganz praktisch wird oft über den Landarztmangel geredet… Reimann: Wir haben ein Paket an Leistungen für junge Ärzte, ein Angebot, sich im Land niederzulassen. Wichtig ist für mich, dass die regionalen Akteure hier eingebunden werden und die Gesundheitsregionen gestärkt werden. Denn die Verantwortlichen vor Ort wissen meistens genau, was man für die Anwerbung neuer Ärzte tun kann. In der Jade-Weser-Region etwa organisieren mehrere Landkreise und die Stadt Wilhelmshaven Wege, wie die Fort- und Weiterbildung für Mediziner effektiv organisiert werden kann. Für den einen Arzt ist dann das gute Kindergartenangebot wichtig, für den anderen die Möglichkeit, in einem schönen Wohngebiet zu leben. Eine andere Variante wäre, dass Ärzte eine Zweitpraxis auf dem Land einrichten und dort tageweise Sprechstunden anbieten. Das können wir nicht in Berlin oder Hannover vorgeben am grünen Tisch, Anreiz- und Begleitprogramme dafür müssen vor Ort in den Gesundheitsregionen entwickelt werden. Rundblick: Und die Landarztquote? Also die Vorgabe für einen Teil der Medizinstudenten, dass sie sich zu Beginn des Studiums festlegen, später als Arzt auf dem Land zu arbeiten? Sie hatten dafür Sympathien geäußert, Wissenschaftsminister Björn Thümler ist dagegen… Reimann: Die Wissenschaftsminister sind schon fast traditionell gegen eine solche Landarztquote, sie haben meistens diese Haltung. Ich denke nur, es ist ein Baustein, eine Versorgung im ländlichen Raum zu sichern – zumal auch in Nordrhein-Westfalen mittlerweile in diese Richtung überlegt wird. Rundblick: Aber kann man denn einem 21-Jährigen Studienanfänger abverlangen, sich für die Zeit nach seinem 27. Geburtstag festzulegen, was seinen Berufsort angeht? Mit 21 denkt man doch oft ganz anders als mit 27… Reimann: Es wäre ja ein Angebot, und so ganz ungewöhnlich sind solche Wege auch nicht. Bei der Bundeswehr gibt es so etwas, in manchen Unternehmen auch. Rundblick: Noch eine Frage zu den Krankenhäusern. Wir haben viele kleine Kliniken im Lande – und viele von ihnen bieten nicht die notwendige sichere Gesundheitsversorgung. Gegen Fusionspläne regt sich in vielen Städten großer Widerstand. Wie sehen Sie das? Reimann: Jeder will schnell und nah am Wohnort medizinisch versorgt werden können. Was dabei oft vergessen wird, ist die Tatsache, dass in manchen kleinen Krankenhäusern nicht die Qualität gewährleistet werden kann wie in großen Kliniken. Daher halte ich Fusionen ebenso für sinnvoll wie Kooperationen – jeweils nach der entsprechenden Situation vor Ort. Wenn sich mehrere Krankenhäuser in einem Verbund auf verschiedene Gebiete spezialisieren, das wäre in vielen Regionen schon ein Fortschritt. Rundblick: Sollte das Land hier nicht stärkere Vorgaben machen, wie es im Übrigen auch manche Kommunalpolitiker von Ihnen erwarten? Reimann: Mein Ministerium fördert Kliniken nur dann, wenn sie bereit sind zur Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Gesundheitseinrichtungen. Sind sie es nicht, dann gibt es von uns keine Unterstützung.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #73.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum