Darum geht es: Die Europäische Union hat die Entscheidung über die weitere Zulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat vertagt. Ein Kommentar von Isabel Christian.
Der böse Chemieriese kommt eigentlich ganz zahm daher: „Unsere Produkte gehören zu den weltweit am häufigsten getesteten und ihre Sicherheit wurde von unabhängigen Prüfern bestätigt“, heißt es auf der Webseite von Monsanto, einem der weltweit führenden Hersteller von Pflanzen- und Insektenschutzmitteln. Und: „Wir reduzieren die Auswirkungen auf die Umwelt, wann immer wir können“. Allerdings ist Monsanto der Produzent des Breitbandherbizids Glyphosat. Unter dem Namen „Roundup“ verkauft das Unternehmen das Herbizid, das nahezu allen Pflanzen auf Wiesen und Äckern den Garaus macht, es sei denn, sie sind dagegen immun gezüchtet. Dass das Mittel krebserregend ist, ist nicht bewiesen, aber auch nicht abschließend belegt. Dennoch wächst der politische Widerstand, ein Verbot scheint aufgeschoben, aber unausweichlich. Die gute Nachricht daran ist: Das Bewusstsein für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur in Europa steigt, nun könnte ökologische Verträglichkeit vor Gewinnmaximierung zur Triebfeder bei der Entwicklung von Pflanzen- und Tierschutzmitteln werden. Die schlechte Nachricht ist: Glyphosat dominiert den Markt, ein Großteil der Landwirte nutzt es. Wird das Gift nun verboten, treibt es die Bauern entweder in den Ruin, weil wirkgleiche oder schonendere Produkte teurer sind, oder es treibt sie zu weitaus gefährlicheren Substanzen.
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Es reicht deshalb nicht, Glyphosat pauschal zu verbieten und sich dann höchstens noch um den zu erwartenden Rechtsstreit mit Monsanto zu kümmern. Das Verbot muss den Landwirten und Entwicklern auch Zeit zum Umstellen einräumen. Die Aussicht auf ein Verbot dürfte die Forschung nach umweltverträglicheren Pflanzenschutzmitteln ankurbeln, allerdings wird ein Produkt, das Glyphosat ersetzen kann und zudem kostengünstig ist, kaum innerhalb eines Jahres marktreif sein. Hier muss den Forschern Zeit gegeben werden, um neue Wirkstoffe ausgiebig zu testen und auszuloten, wie man sie möglichst billig herstellen kann. Die Landwirte wiederum brauchen Zeit, um ein für sie finanzierbares Übergangskonzept zu entwickeln und sich über den Markt zu informieren. Denn es ist keine Alternative, wieder mit Hacke und Schaufel aufs Feld zu gehen und das Unkraut von Hand auszugraben. Das dürfte auch den ärgsten Glyphosat-Kritikern einleuchten.
Dieser Umstellungsprozess kann sich jedoch länger als die momentan als Übergangszeit angepeilten drei bis fünf Jahre hinziehen. Deshalb ist die Politik gefragt. Sie muss Geld in die Forschung investieren, sodass das Entwickeln von ökologisch verträglichen Unkrautvernichtern lukrativ wird. Gleichzeitig muss sie den Landwirten finanzielle Unterstützung in Aussicht stellen, die sich teurere Mittel als Glyphosat nicht leisten können. Und sie muss Verbrauchern und dem Lebensmittelhandel deutlich machen, dass Umweltbewusstsein und Billiglebensmittel nicht Hand in Hand gehen. Wie die Entwicklung der Ökolandwirtschaft zeigt, sind Verbraucher durchaus bereit, mehr für Äpfel, Karotten und Brot zu bezahlen, wenn sie wissen, dass der Bauer auf den Naturschutz achtet. Doch das darf keine Frage eines Lebensgefühls oder einer Ideologie sein. Es muss wieder „normal“ werden, mit der Natur zu leben und auf sie zu achten. Denn das haben die Verbraucher in den vergangenen 150 Jahren verlernt.Dieser Artikel erschien in Ausgabe #190.