16. Juni 2026 · 
MeldungKultur

Ein Festakt für Zuversicht: Staatspreis für Franziska Stünkel und Stefan Voelkel

In Hannover-Herrenhausen haben die Fotokünstlerin Franziska Stünkel und der Bio-Unternehmer Stefan Voelkel den niedersächsischen Staatspreis verliehen bekommen.

Unternehmer Stefan Voelkel und Fotokünstlerin Franziska Stünkel sind ausgezeichnet. | Foto: StK Nds/Rainer Jensen

Darf man das? Niedersachsens Ministerpräsident tastete sich an seine eigene Veranstaltung erst noch zögerlich heran. Ein Festakt in einem der prunkvollsten Säle, den man in der Landeshauptstadt finden kann. Hunderte Gäste saßen unter Kronleuchtern, das „Moonlight Quartet“ spielte Livemusik. Alles war sehr, sehr feierlich. Darf man das – während Meldungen von Krieg und Krisen die Nachrichten dominieren und eine Untergangsstimmung sich im politischen Betrieb breitmacht? Man muss sogar, beantwortete Olaf Lies (SPD) die selbst gestellte Frage und erlaubte also auch dem Publikum, den Abend zu genießen. Zuversicht und Zusammenhalt brauche es, sagte der Regierungschef vor jeder Menge geladener Gäste, darunter auch die frühere Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD), die der Gastgeber namentlich begrüßte. Man müsse dem Verdruss etwas Positives entgegenstellen, es brauche eine positive Stimmung und Zutrauen, „damit die Menschen nicht von jeder neuen Schreckensbotschaft den Mut verlieren.“ Ein Festakt also, der nicht weniger leisten soll, als die innere Widerstandsfähigkeit der niedersächsischen Gesellschaft zu stärken. Am Montagabend hat Ministerpräsident Lies im Galeriegebäude in Hannover-Herrenhausen den niedersächsischen Staatspreis verliehen – die höchste Auszeichnung, die das Land zu bieten hat. Wer geehrt wurde, war im Vorfeld kein Geheimnis: die Fotokünstlerin Franziska Stünkel und der Unternehmer Stefan Voelkel.

In seiner Laudatio auf Franziska Stünkel betonte der Journalist und Aktivist Andreas Tölke ihre „unverständliche Bescheidenheit“. Diese sei das Bemerkenswerteste an ihr, sagte er. Und nicht etwa ihre internationale Bekanntheit, ihr Erfolg als Regisseurin oder ihre Ausstellungen rund um den Globus. Tölke beschrieb sie als Menschen, der nicht scheibchenweise lebt, sondern nur ganzheitlich betrachtet werden kann. In Anlehnung an eine Beschreibung der Wirkungsweise von Picassos Werk bezeichnete er Franziska Stünkel als „allansichtig“. Gemeint hat er damit, dass ihr künstlerisches Schaffen, ihre Fotografien und Filme, nicht von ihrem gesellschaftlichen Einsatz zu trennen seien. Stünkel engagiert sich zum Beispiel in verschiedenen Kuratorien und Jurys und vergibt darüber Kunststipendien, von denen sie selbst auch einst profitiert hat. Sie unterstützt aber auch die Berliner Hilfsorganisation „Be an Angel“, deren Mitgründer ihr Laudator Tölke ist. Der Verein hilft unter anderem Menschen in der Ukraine, die unter dem russischen Angriffskrieg leiden. Stünkel hat vor vier Jahren in Berlin eine Kunstausstellung mit 42 ukrainischen Künstlern kuratiert. Tölke sagte über die Niedersächsin Franziska Stünkel, sie habe einen Heimatbegriff, der nicht trennt, sondern verbindet. Ihre Heimat habe keinen Zaun, sondern gebe Halt. Dass Stünkel erst die achte Frau ist, die den Staatspreis verliehen bekommt, bezeichnete der Laudator nicht nur als Würdigung, sondern als Signal. Die Preisträgerin selbst nahm in ihrer Dankesrede Bezug auf ihre Foto-Serie „Coexist“ und sagte: „Wir dürfen uns als Menschen nicht isoliert betrachten, sondern müssen aktiv miteinander leben. Das ist bewusste Koexistenz.“ Mit ihren Filmen wie etwa „Nahschuss“ mit Lars Eidinger habe sie immer wieder versucht auf die Gefahr hinzuweisen, was passiert, wenn die Menschenrechte nicht mehr geachtet werden.

Die zweite Laudatio des Abends zeichnete eine bemerkenswerte Familien- und Unternehmensgeschichte nach. Prof. Gerd Michelsen erinnerte daran, wie vor gut einhundert Jahren das Ehepaar Margret und Karl Voelkel, inspiriert von der Wandervogel-Bewegung aus der Großstadt ins Wendland zogen und dort ihr Glück suchten. Was sie vorfanden, sei allerdings sandiger Boden gewesen, auf dem sie kaum erfolgreich Obst anbauen konnten. Stattdessen entwickelten sie über die Jahre neuste Techniken der Mosterei sowie im Familienbetrieb ein Wirtschaftsmodell, das Prof. Michelsen als sinnstiftend bezeichnete. Anstatt den Bauern das Land abzukaufen, kaufen sie das Obst und auch Gemüse und machen daraus Säfte, deren Inhaltsstoffe nicht nur gesund, sondern auch „bio-bekömmlich“ sind. Werte, die die Menschen verbinden, werden über Gewinnmaximierung gestellt. Der Laudator prognostizierte: „Die Gemeinwohlorientierung wird sich am Markt durchsetzen.“ Bio-Saftfabrikant Stefan Voelkel hat das Unternehmen „enkeltauglich“ gemacht, es gehört nun zwei Stiftungen in Verantwortungseigentum, die das Ziel verfolgen, die Nachhaltigkeit zu fördern. Die Führung des Unternehmens geht derweil in die vierte Generation, drei der Söhne sind in der Geschäftsführung tätig. Prof. Michelsen meint das Geheimrezept dafür entdeckt zu haben: Stefan Voelkel versuche nicht zu belehren, sondern zu begeistern. Eine politische Forderung hatte der Geehrte dennoch mitgebracht. Der Öko-Landbau liege in Deutschland bei rund 11 Prozent, dabei gebe es doch die Zielmarke von 30 Prozent. Damit das gelingt, müsse auch der Verbrauch angekurbelt werden. Seine jüngste Idee dazu war ein „Bio-Späti“ in Berlin. Man müsse „zur richtigen Zeit am Tag die Verfügbarkeit der Lebensmittel schaffen“, sagte er und gestand sogleich zu: „Es muss ja nicht alles Voelkel sein.“ Voelkel hat angekündigt, sein Preisgeld an drei Organisationen zu spenden, die sich um krebskranke beziehungsweise von Armut bedrohte Kinder kümmern.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #111.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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