Der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum in Braunschweig schlägt eine drastische Reform als Lehre aus der Corona-Krise vor: Für junge Leute solle wieder eine Dienstpflicht eingeführt werden – und zwar nicht im Militär, sondern in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Der Sinn eines solchen Schrittes wäre, eine „Personalreserve“ zur Vorbeugung für eine nächste Pandemie zu bilden. „Wir haben gemerkt, dass es im Notfall relativ einfach ist, kurzfristig die Intensivstationen aufzurüsten und Beatmungsgeräte anzuschaffen. Viel schwieriger aber wird es sein, die ausreichenden Fachkräfte zur Bedienung dieser Technik einzusetzen“, sagte Krause in einer Anhörung des Corona-Sonderausschusses im Landtag.
Nach Ansicht des Infektionsforschers droht in den Gesundheitsämtern der Kreise und kreisfreien Städte nach dem Ende der Corona-Krise das, was man schon nach der Schweinegrippe 2009 habe feststellen können – viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen seien in den Vorruhestand gewechselt oder hätten gekündigt. „Ich befürchte, wir werden das jetzt wieder erleben“, sagte Krause. Im Vergleich zu den Tätigkeiten in Krankenhäusern oder in Arztpraxen seien die Verdienstmöglichkeiten in Gesundheitsämtern eher gering, die Karrierechancen ebenfalls. Ein „gigantischer Generationswechsel“ stehe auch noch bevor, da viele Leiter von Gesundheitsämtern kurz vor der Rente stünden.
Der Corona-Sonderausschuss hat die Aufgabe, mittelfristige und langfristige Lehren aus der Pandemie zu erörtern – und Bilanz des bisherigen Krisenmanagements zu ziehen. Krause, der auch für die Landesregierung und für Wirtschaftsminister Bernd Althusmann als Berater aktiv ist, listete mehrere Punkte auf, die seiner Meinung nach verbesserungswürdig sind:
Fehlende Pandemie-Planung: Krause bemängelt, dass die bisherigen Vorkehrungen zu stark auf eine Grippe-Welle ausgerichtet worden seien, andere Viren-Formen seien nicht ebenso einkalkuliert worden. Ein Schwachpunkt sei auch gewesen, dass es anfangs an ausreichend Handschuhen, Masken, Kitteln und Desinfektionsmittel gefehlt habe – obwohl diese Materialien nicht schwer, platzsparend zu lagern und nicht leicht verderblich seien. Nötig sei ein System, das solche Vorräte anlege und umwälze. Kurz vor dem Ablauf des Verfallsdatums sollten die Güter wieder auf den Markt gebracht werden.

Datenaustausch mangelhaft: Nach Ansicht von Krause gibt es in den Gesundheitsämtern bisher einen Konstruktionsfehler: Nachrichten würden nur hierarchisch von unten nach oben weitergeleitet – von den Kommunen an das Land, vom Land an das Robert-Koch-Institut. Was fehle, sei eine horizontale Vernetzung, beispielsweise zwischen den Gesundheitsämtern benachbarter Kreise. Das System Sormas, für das Krause seit langem wirbt, überwinde dieses Problem und schaffe ein Netzwerk. Obwohl niedersächsische Firmen an der Entwicklung von Sormas mitgewirkt hätten, habe nur jeder zweite niedersächsische Landkreis Sormas bisher eingeführt – „damit steht das Land am Ende der Kette im Bundesvergleich“. Krause räumt aber ein, dass ein Ergänzungskonzept zur Überwindung von Schnittstellen zu anderen Systemen bisher noch fehle.
Kommunikation klappt nicht: Für nicht gelungen hält Krause die Öffentlichkeitsarbeit während der Krise. Eine schlüssige Begründung für viele Einschränkung sei häufig nicht geliefert worden – oft auch deshalb, wie er sagt, weil man vieles gar nicht richtig begründen könne. Das gelte etwa für die Regel, Buchläden zu öffnen, während Fahrradgeschäfte geschlossen haben müssen.
Matthias Pulz, Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, teilte Krauses Einschätzungen weitgehend. Die Bedeutung der Gesundheitsämter sei Jahre vor Ausbruch der Corona-Pandemie „verkannt worden“, die technische und personelle Ausstattung sei „über Jahre sträflich vernachlässigt worden“. Prof. Gunda Voigts von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg schlug vor, für Jugendliche nicht den „Hausstand“ als definierte Gruppe für erlaubte Kontakte anzusehen, sondern den Freundeskreis, die sogenannte „Pear-Group“. Das Problem sei, dass in der gegenwärtigen Corona-Verordnung Jugendliche „wie Erwachsene behandelt“ würden, dabei bräuchten sie zur Persönlichkeitsentwicklung die Abkopplung vom Elternhaus, also vom bisher definierten „Hausstand“. Nachdrücklich warnte sie davor, die jungen Menschen als „verlorene Generation“ zu bezeichnen. „Wir dürfen nicht den Eindruck vermitteln, wir hätten sie aufgegeben.“


