Noch mal nachdenken: Lars Klingbeil im Podcast-Gespräch mit Martin Brüning vom Rundblick - Foto: isc[/caption]
Rundblick: Was verstehen Sie unter der „Erneuerung“ der Partei? Was muss in der SPD anders werden?
Klingbeil: Ich setze darauf, dass die SPD spannender werden muss. Wir müssen öfter auch mal provozieren mit unseren Positionen, auch mal anecken. In der Vergangenheit haben wir manche Konflikte mit Formelkompromissen zugedeckt – und den Beteiligten war hinterher dann oft nicht klar, welche genaue Haltung sich dahinter verbirgt. Ein Beispiel ist die Haltung zu der Frage, wie wir mit dem Wolf, der immer mehr verbreitet ist, umgehen sollen. Auch die Schnittstellen von Wirtschaft, Arbeit und Umwelt sind wichtige Bereiche der Politik, in denen wir erkennbarer werden müssen – und dann sind wir auch interessanter für die Menschen.
Rundblick: Hat sich die SPD bisher vielleicht zu stark auf bestimmte Gruppen fokussiert, vielleicht auch zu sehr auf Randgruppen geachtet?
Klingbeil: Das taktische Herangehen an solche Fragestellungen halte ich für verkehrt. Es geht darum, ob Themen wichtig sind, weil sie viele Menschen berühren. Zum Beispiel die Situation der Pflegekräfte in Deutschland. Die in dieser Branche Beschäftigten stehen in der Mitte der Gesellschaft, und wir müssen uns als Sozialdemokraten um ihre Probleme kümmern. Etwa um die Frage, wie es sich mit dem Tarifvertrag Soziales verhält und wie die Mindestlöhne gesichert werden.
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Rundblick: In der SPD wird aber auch intensiv über die Hartz-Reformen vom Beginn dieses Jahrtausends diskutiert. Sie haben kürzlich gesagt, von dieser Debatte gelangweilt zu sein…
Klingbeil: Ja, weil die Diskussion in der Partei rückwärtsgewandt ist und sich mit Dingen beschäftigt, die vor vielen Jahren festgelegt wurden. Ich wünsche mir, dass wir über die kommenden Jahre sprechen und über die Fragen, die dann aktuell werden. Das betrifft etwa die Digitalisierung, in deren Folge viele Menschen ihren Job verlieren werden. An der SPD liegt es, diesen Menschen die Hand auszustrecken und ihnen Angebote zu machen – angefangen bei Bildung und Weiterbildung. Der Sozialstaat muss ihnen etwas bieten, und das kann am Ende durchaus etwas anderes sein als Hartz IV. Nur wird so in Deutschland eben nicht diskutiert.
Rundblick: Ist die Digitalisierung nicht erst einmal eine riesige Chance, bevor man sie als nachteilig ansehen sollte? Sollte sie nicht Begeisterung wecken?
Klingbeil: Sicher, auch ich bin zunächst optimistisch. Das entbindet mich aber nicht von der Pflicht, dem 55-jährigen hochqualifizierten Arbeitnehmer, der plötzlich ohne Job dasteht, weil ein Roboter seine Arbeit leistet, eine Antwort auf seine Probleme zu geben.
Rundblick: Was die Kommunikation über solche Fragen angeht, ist in der Vergangenheit viel Kritik am Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale, geübt worden. Sie sind dort der Chef – was wollen Sie anders machen?
Klingbeil: Im Willy-Brandt-Haus arbeiten hochmotivierte, gute Leute. Natürlich beschäftigt mich die Frage, wie wir uns besser aufstellen können und etwa bei der Organisation von Kampagnen besser werden können. Aber ich will die Umgestaltung nicht als Show anlegen. Für die Evaluierung des zurückliegenden Bundestagswahlkampfes haben wir mehr als 100 Interviews geführt, die Ergebnisse werden demnächst beraten. Vieles muss anders werden im Apparat, beispielsweise all jenes, das mit Planbarkeit, Verlässlichkeit und interner Kommunikation zusammenhängt.
Rundblick: Haben Sie genug Rückhalt für solche Prozesse? Immerhin war das Wahlergebnis für die neue Parteivorsitzende Andrea Nahles eher mäßig, und auch Sie hatten bei Ihrer Wahl mit 70,6 Prozent auch kein überragendes Resultat.
Klingbeil: Ich starte lieber mit 70 Prozent und arbeite mich dann allmählich hoch, als mit 100 Prozent zu starten und dann schwächer zu werden. Das hatten wir ja kürzlich auch schon mal in der SPD… Es wird meine Aufgabe und die von Andrea Nahles sein, Vertrauen in die Parteiführung zurückzugewinnen. Wir sind kein Verein, der Beifall klatscht, in der SPD wird diskutiert und gerungen um den richtigen Weg, das finde ich ja gerade so gut an meiner Partei. Die 24.000 Neueintritte in den vergangenen Monaten beweisen: Die SPD ist ein spannender Ort der Politik gegenwärtig.
Rundblick: Sie sind 40. Der frühere FDP-Vorsitzende Philipp Rösler hat einst erklärt, mit 45 solle bei ihm Schluss sein mit der aktiven Politik…
Klingbeil: Rösler hat es doch gar nicht bis 45 geschafft, oder? Was mich angeht, ich habe das Glück, mein Hobby zum Beruf machen zu können. Irgendwann werde ich auch mal was anderes machen, aber was, das steht noch nicht fest. Auf jeden Fall bin ich niemand, der am Zaun des Kanzleramtes rüttelt und ruft: Ich will da rein! In meiner Jugend wollte ich mal Rockmusiker werden, ich bin leidenschaftlicher Musik-Fan und habe auch eine Gitarre im Büro. Nur: Die Qualität meines Gesanges war immer zu schlecht.

