5. März 2026 · 
TagesKolumne

Die letzten Stunden der Zeigerzeit

Flik und Flak haben bald Feierabend. Die Analoguhr verschwindet langsam aus dem Alltag. Ersetzt werden sie durch Smartwatch, Datenstrom und den kleinen drehenden Wartekreis.

Gestern haben Sie an dieser Stelle das rührende Plädoyer meines Kollegen Niklas Kleinwächter für die Analoguhr gelesen. Heute möchte ich mich als ebenfalls kinderloser Onkel noch einmal zum gleichen Thema zu Wort melden. Denn wenn ich an meine erste liebgewonnene Armbanduhr zurückdenke, dann war das eine wasserdichte Casio-Digitaluhr mit Taschenrechner und Telefonbuch in der fünften Klasse. Schon damals war es für die Analoguhr fünf vor zwölf. Bald hat für Flik und Flak das letzte Stündlein geschlagen.

Ich werde die beiden nicht wirklich vermissen, auch wenn ich die versilberte Taschenuhr meines verstorbenen Großvaters bei ganz besonders feierlichen Anlässen gern noch in der Westentasche meines Dreireihers trage. Manche Dinge sind nämlich wirklich zeitlos.



Wir erleben gerade das sanfte Entschlummern einer Welt, der wir uns nur noch aus ästhetischen Gründen anhängen. Die Analoguhr geht den Weg alles Irdischen und gesellt sich demnächst zu den anderen Klassikern der Analog-Ära. Da wären der Overhead-Projektor, der Schrecken unzähliger Schulklassen; die Wählscheibe, die jedes Ferngespräch zur Geduldsprobe gemacht hat; oder der gute alte Straßenatlas, jenes kiloschwere Monstrum, das früher immer das Seitenfach in der Autotür verstopfte. Wenn wir heute falsch abbiegen, ist daran zwar eine mindestens genauso langweilige Computerstimme schuld. Allerdings haben wir im Seitenfach mehr Platz, um den Heißluftfritteusen-Aufsatz für den Zigarettenanzünder zu verstauen.

Wer heute eine Smartwatch trägt, lernt Zeit vielleicht nicht mehr als geometrische Fläche kennen – dafür aber als präzisen Datenstrom, in den man jederzeit eintauchen kann. Wann war ich noch einmal besonders gestresst? Ach ja, zwischen 9 und 17 Uhr. Zum Glück erinnerte mich das Betriebssystem gegen Mittag daran, eine fünfminütige Atemübung zu absolvieren.

Das Ticken der Uhrzeiger in der Stille war gestern. Im digitalen Zeitalter hat diesen Job der kleine drehende Wartekreis übernommen. | Foto: Link/mit KI generiert

Das „Beiläufige“, das manche am Ticken der Uhr so schätzen, ist in Wahrheit der Sound der Ineffizienz. Es ist wie beim Loch in der Fahrkarte: Früher gab es ein befriedigendes metallisches Klack, heute scannt ein Laser lautlos einen QR-Code. Weil heutzutage alle kabellose Earbuds in den Ohren haben, merkt das aber ohnehin keiner mehr.

Und wenn wir uns heute Langeweile bewusst machen, dann nicht mehr mit dem Ticken der Zeiger in der Stille. Sondern beim Blick auf den kleinen drehenden Wartekreis auf dem digitalen Endgerät, der uns anzeigt, dass wir uns noch immer in einem Funkloch befinden.

Wenn Sie das hier lesen, befinden Sie sich vermutlich gerade nicht in einem Funkloch. Darum können Sie auch gleich den heutigen Rundblick herunterladen, in dem es um folgende Themen geht:

  • Streit um "Vergabe-Flop": Werden die Tablets wie geplant schon zu Beginn des nächsten Schuljahres in allen siebenten Klassen sein? Die CDU fragte im Landtag nach – und die Kultusministerin antwortete.


  • Warten auf die Katzenschutzverordnung: Tierhalter sollen ihre Katzen kastrieren müssen, damit die sich in der Nachbarschaft nicht unkontrolliert vermehren. Doch die entsprechende Verordnung hängt im Innenministerium.


  • Studie beziffert Milliardenkosten: Der Elektrobus ist nur der Anfang. Werkstätten, Stromanschlüsse und Depots müssen für den klimaneutralen ÖPNV komplett umgebaut werden. Doch wer soll das bezahlen?

Wenn Ihnen heute wer auf den Zeiger geht, dann hoffentlich nur Ihr
Christian Wilhelm Link



Dieser Artikel erschien in Ausgabe #043.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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