5. März 2026 · 
PorträtKultur

Wie junge Politiker ihre Elternpflichten mit dem Landtagsmandat unter einen Hut bringen

Zwischen Parlament und Pampers: Wenn Mama ein Mandat hat – geht das? Für Politiker gibt es keine Elternzeit. Aber die Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse junger Eltern ist groß.

Sophie Ramdor ist CDU-Landtagsabgeordnete und Mutter. Beides unter einen Hut zu bringen, ist allerdings nicht immer einfach. | Foto: Büro Ramdor

Als wir bei Sophie Ramdor (CDU) anfragen, ob sie uns erzählen würde, wie das so ist mit einem kleinen Kind und dem Landtagsmandat, stellt sie eine Bedingung: Sie erzähle uns nur dann von ihren Erfahrungen als junge Mutter in der Politik, wenn wir auch junge Väter fragten, wie sie damit klarkommen. Dieses Versprechen können wir der Christdemokratin aus Braunschweig leicht geben, schließlich sind die jungen Väter unter den jungen Eltern im Landtag klar in der Überzahl. Oberflächlich betrachtet könnte das schon die Story sein: Für die Männer ist es eben immer noch einfacher, Mandat und Kind unter einen Hut zu bekommen – deshalb wagen auch mehr von ihnen diesen Schritt. Doch bei genauerer Betrachtung, und diese Beobachtung hat eben auch Sophie Ramdor gemacht, sind die jungen Väter heute anders, als das früher der Fall gewesen sein muss. Die Care-Arbeit – wie die Verantwortungsübernahme für familiäre Betreuungsaufgaben heute genannt wird – ist heute immer häufiger auch Sache der Herren. „Die Männerrolle hat sich geändert“, sagt Ramdor.

Dass sich kulturell etwas verändert hat, bestätigen auch Christoph Willeke (SPD) und Andreas Hoffmann (Grüne), als wir sie zu ihren Erfahrungen mit dem eigenen Nachwuchs fragen. „In der Fraktion wurde die Nachricht total positiv aufgenommen, was mich sehr freut“, berichtet Willeke im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick. „In der Fraktionssitzung gab es an der Stelle der Geburtstagsgratulationen dann auch den Hinweis, das Team Willeke im Harz habe Verstärkung bekommen.“ Hoffmann erzählt uns von eher positiven Rückmeldungen im politischen Umfeld, die er „gerade als Mann“ erhalten habe. „Ältere Abgeordnete haben mir davon erzählt, dass die Probleme früher wirklich größer waren“, sagt der Grünen-Politiker und fügt an: „Was mich tatsächlich gewundert hat, ist, dass auch ältere CDU-Abgeordnete, die ich für konservativer gehalten habe, sehr offen dafür sind, wenn Kinder mal bei einem Termin mit dabei sind.“ So berichtet auch die CDU-Abgeordnete Ramdor: „Mutterschutz-Monate wären vonseiten der Fraktion möglich gewesen. Die Fraktion nimmt da Rücksicht. Ich habe mich aber nur anderthalb Monate nach der Geburt in meinen Ausschüssen vertreten lassen.“

Alle drei Politiker, die wir befragt haben, sind nach der Geburt ihrer Kinder nicht lange weg gewesen. „Im Wahlkreis waren viele überrascht, wie früh ich wieder dabei war“, sagt Ramdor. Allerdings ist das auch ihr Anspruch: „Ich würde es schwierig finden, ein halbes Jahr zu Hause zu bleiben. Vieles würde liegenbleiben. Da wird man seinem Mandat und den Menschen im Land nicht gerecht.“ Wenn sie ihr Kind zu Wahlkreisterminen mitbringt, macht sie positive Erfahrungen. „Viele freuen sich, wenn ich mein Kind zu Terminen mitbringe.“ Allerdings geht das auch nicht immer. „Ich unterscheide schon je nach Veranstaltung, ob ich es mitnehmen kann“, sagt die Abgeordnete aus Braunschweig. „Es kommt auch auf die Länge der Termine an. Eine Stunde ist okay, danach muss es schon eine Pause geben.“ Christoph Willeke spricht in diesem Zusammenhang von ganz praktischen und auch biologischen Grenzen: „Abendtermine fallen natürlich raus, da kann ich sie nicht mitnehmen. Da ist Bettgehzeit.“ Es verlangt nach einer guten Vorbereitung: „Wenn ich weiß, dass die Windel gerade frisch ist und der Termin nicht länger als zwei Stunden dauert, ist das kein Problem. Man will sie ja nicht vor allen Leuten wickeln müssen. Und stillen kann ich sie natürlich auch nicht, da gibt es einfach biologische Grenzen.“ Andreas Hoffmann berichtet, dass er seine Tochter zu Parteiterminen problemlos mitnehmen könne, weil die Akzeptanz da groß sei. „Auf Parteitagen haben wir Spieleecken und eine Kinderbetreuung, das ist schon hilfreich.“ Bei anderen Terminen sei das anders. „Sie hört halt einer Rede keine zehn Minuten zu und ich will dann nicht die Veranstaltung sprengen. Wenn das Kind rebelliert, ist das nicht immer angebracht.“

Christoph Willeke (SPD) ist im vergangenen Jahr Vater geworden. | Foto: Willeke/privat

Und im Parlament? Ramdor berichtet vom sozialen Rückhalt, den es braucht, damit das bei ihr klappt. „Wenn Plenum ist, muss immer jemand mitkommen, häufig sind das dann die Großeltern.“ Der Grünen-Politiker Hoffmann hat sein Kind nur ein einziges Mal zu einem Plenartag mitgebracht. Nach der Geburt seines Kindes habe er einen Monat lang pausiert, ein Plenum und drei Ausschusssitzungen habe er damals ausgesetzt. Anders bei Willeke: „Plenum und Ausschüsse habe ich auch nach der Geburt immer wahrgenommen.“ Eine deutliche Erleichterung für die Vereinbarkeit von Kind und politischer Karriere hat derweil die Corona-Pandemie hinterlassen: hybride Ausschusssitzungen. „Es ist in dieser Legislatur deutlich einfacher geworden durch die Möglichkeit, digital an Sitzungen teilzunehmen. Viele Ausschüsse tagen hybrid, die Sitzungen der Arbeitskreise sind bei uns alle hybrid“, sagt die CDU-Frau Ramdor. Es sei einfach wichtig, dass der Informationsfluss nicht abreißen darf. „Die hybriden Sitzungen sind eine wahnsinnige Erleichterung für Eltern. Allein die anderthalb Stunden für An- und Abreise, die ich brauche, sind schon wahnsinnig viel Zeit“, sagt auch der SPD-Mann Willeke. „Wenn ich nicht selber reden muss und es auch sonst für mich keine Nachteile hat, nehme ich an Ausschusssitzungen gerne digital teil. Da kann es ganz selten mal passieren, dass ich die Kleine auf dem Schoß habe. Aber eigentlich versuchen wir, dass sie nicht so mitbekommt, dass ihre Eltern stundenlang auf einen Bildschirm starren.“

Stolzer Papa einer Tochter: Andreas Hoffmann (Grüne). | Foto: Büro Hoffmann

Allerdings tagen nicht alle Ausschüsse hybrid – und manchmal ist Anwesenheit auch einfach erforderlich. Was alle unsere Gesprächspartner eint: Wenn sie zum Thema reden müssen, sind sie da. „Als Haushaltspolitiker geht vieles nur in Präsenz, vor allem dann, wenn Verhandlungen geführt werden. Wenn man nicht in Präsenz da ist, ist man schnell raus. Allein was ich hier schon alles in Hinterzimmern besprochen habe. Das klappt digital eben nicht“, meint der Grünen-Politiker Hoffmann. „Wer nicht da ist, wird nicht wahrgenommen“, sagt er, der auch an Fraktionssitzungen gerne mal hybrid teilnimmt oder hinterher schnell nach Hause muss. „Ich merke schon, dass ich dann eben nicht mehr da bin, wenn nach der Fraktionssitzung noch die Reels aufgenommen werden.“

Und wie verstehen nun die Männer ihre neue Rolle? „Ich versuche schon, meinen Beitrag zu leisten“, sagt Hoffmann, räumt allerdings ein: „Aber meine Frau macht schon mehr.“ Als er uns das am Rande des März-Plenums erzählt, fällt ihm gerade ein, dass er vergessen hat, vor der Abreise nach Hannover den Müll rauszubringen. Seine Frau habe aber großes Verständnis für die Zwänge der Parteiarbeit, denn sie selbst ist Fraktionsvorsitzende der Grünen in Braunschweig. Während sie Vollzeit für Volkswagen arbeitet, übernimmt der Landtagsabgeordnete Elternpflichten am Nachmittag: „Ich muss häufig um 15 Uhr zu Hause sein, um meine Tochter aus der Betreuung abzuholen.“ Ganz konfliktfrei läuft das aber nicht: „Ich habe schon mal ein schlechtes Gewissen. Aber mit der Tagesmutter im Nachbarhaus schaffen wir das.“ Zur Rolle des männlichen Abgeordneten und Vaters sagt Christoph Willeke: „Ich nehme die Kleine, wenn es geht, immer mit zu Terminen – auch um ihre Mutter zu entlasten. Es bleibt am Partner des Abgeordneten sowieso schon vieles hängen.“ Dabei hat sich auch dieses Elternpaar in der Rushhour des Lebens einiges zugemutet: „Meine Frau schreibt gerade ihre Doktorarbeit in Maschinenbau, ich bin gerade Sprecher für Digitalpolitik geworden – wir sind beide gut eingespannt.“ Deshalb sei es „schon wichtig, dass Freundeskreis und Familie mit anpacken.“

Klagen über die eigene Situation möchte keiner unserer drei Gesprächspartner. „Als Abgeordnete sind wir quasi wie Selbstständige. Wir haben deshalb auch viel mehr Möglichkeit, unsere Arbeit frei zu organisieren“, sagt Ramdor und spricht von einer sehr privilegierten Position: „Eine Verkäuferin, Lehrerin, jemand im Handwerk oder wer am Band arbeitet, kann das Kind nicht einfach so zur Arbeit mitnehmen.“ „Wir haben schon sehr gute Rahmenbedingungen: können unseren Arbeitstag frei einteilen, haben gute Betreuungsmöglichkeiten und mit unserem Abgeordnetengehalt können wir uns auch Betreuung leisten“, sagt Willeke. „Mit unseren Abgeordnetendiäten und den flexiblen Arbeitszeiten haben wir eine privilegierte Situation“, sagt Hoffmann. Zudem haben sich alle sehr bewusst für diesen Schritt entschieden: „Als ich in den Landtag eingezogen bin, war meine Frau schon schwanger. Es war also klar, dass da was auf uns zukommt“, erzählt Hoffmann, und Ramdor sagt: „Ich kannte die Optionen vorher und habe mich bewusst dafür entschieden.“ Die Christdemokratin möchte junge Frauen ermutigen, es ihr gleichzutun, unterstreicht allerdings auch, dass sie es verstehen könne, wenn sich Frauen anders entscheiden. Christoph Willeke stellt klar, er wolle nicht für Frauen sprechen, und betont auch, dass es auf den Partner ankomme, der die Last mitträgt. „Es ist tatsächlich wild und anstrengend.“ Der SPD-Mann resigniert derweil nicht. „Ich habe es mir so ausgesucht und ich will auch noch ein Zweites. Das Dritte ist Verhandlungsmasse.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #044.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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