Es ist wohl so: Wetterprognosen liegen mir nicht. Da behauptete ich noch in meiner Kolumne vom Freitag, die ja donnerstags geschrieben wurde, es werde kühler. Stattdessen wurde es schwüler. Das Wetter! Schuster, bleib bei deinen Leisten, rate ich mir da wieder selbst. Wenn Meteorologen schon ihre Schwierigkeiten haben, das Wetter von morgen zu bestimmen, wieso sollte dann ein Politologe bessere Prognosen abgeben? Die Natur hält sich nur bedingt ans Kalenderblatt. Die Kultur hingegen ist da zuverlässiger. Und so kehrt sie dieser Tage allmählich wieder an ihren angestammten Platz zurück. Natürlich ist die Kultur im Sommer nicht verschwunden, nur anderswo. Sie findet in großen Gärten oder auf offenen Bühnen statt, auch Ende August noch, mit Open-Air-Kino in Hannover oder Freiluft-Freischütz in Braunschweig. Mit dem beginnenden Herbst verlagert sich das Kulturprogramm nun aber wieder in das berechenbare Innere.

Wer sich schon einmal in der Natur verirrt hat, wähnt in der Kultur etwas Beruhigendes. Es ist das vom Menschen Geformte. Und obwohl wir lange schon versuchen, auch die Natur unserem Willen zu unterwerfen, scheitern wir daran doch immer wieder. Wir erleben es, wenn sie wieder ausbricht und uns mit Wellen aus Wärme oder Wasser überzieht. Aber auch die Kultur kann Urgewalten freisetzen, in uns drin. Wie berauschend kann eine Arie sein, wie verzückend ein Gemälde, wie mitreißend ein Tanz. Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu allem Mitreißenden. Gern stehe ich im Wind aber fürchte den Sturm. Ich mag die Wellen aber habe Angst, in die Weite des Meeres hinausgezogen zu werden. Und ich scheue die Dynamik großer Demonstrationen. Wo der Mensch in Massen auftritt, entziehe ich mich der Situationen lieber, beobachte sie vom Rande und grusele mich dabei ganz heimlich.
Den wohldosierten Urgewalten kann sich, wer will, demnächst also wieder in angemessen gepolsterten Sesseln aussetzen. In Hannover haben am Wochenende Staatsoper und Schauspielhaus die neue Spielzeit eingeläutet, dazu ihre Türen weit geöffnet und sind zugleich vor selbige getreten. Den Interessierten erwarten der Troubadour oder die Pique Dame, Romeo und Julia oder Katja Riemann in einem Stück von Sybille Berg. Der Gang ins Theater kann wie die Wanderung in den Bergen eine persönliche Zumutung werden, die man aushalten muss. Sich mit der Sicht und Deutung eines anderen auseinandersetzen, ohne widersprechen oder weiterzappen zu können – das muss man wollen. Es ist aber auch eine Kulturtechnik, die unserer Gesellschaft insgesamt nicht schaden könnte. Und wem es dann noch auf den Nägeln brennt, der kann ja im Foyer oder auf dem Opernplatz eine Diskussion beginnen, einen Facebook-Kommentar oder gar einen Leserbrief schreiben.
Mit den Inhalten des Rundblicks können Sie sich auseinandersetzen, wo Sie wollen. Hier ist unser Programm für die heutige Spielzeit:
Lassen Sie sich von der neuen Woche mitreißen!
Ihr Niklas Kleinwächter


