Wenn Sie demnächst im ICE von Hannover nach Brüssel sitzen und neben Ihnen jemand sehr konzentriert in EU-Richtlinien blättert, bleiben Sie cool. Es könnte sich nämlich um Melanie Walter handeln, unsere Europaministerin. Die Betonung liegt auf könnte. Denn die Chance, dass Sie sie erkennen, ist laut Allensbach-Chefin Renate Köcher in etwa so groß wie die Aussicht auf den Jackpot beim nächsten Rubbellos. „Entweder man ist Ministerpräsident oder man hat ein Problem“, stellte die bekannteste deutsche Meinungsforscherin gestern in Hannover fest. Sie präsentierte zusammen mit 3QM-Chef Volker Schmidt den neuesten "Niedersachsen-Trend".

Das „Problem“ heißt Anonymität. Während Regierungschef Olaf Lies mit 70 Prozent Bekanntheit immerhin so etwas wie der Leuchtturm im Nebel ist, wird es dahinter schnell arg verschwommen bis zappenduster. Auf Platz zwei folgen Grant Hendrik Tonne und Daniela Behrens mit jeweils 36 Prozent. Und das wahrscheinlich auch nur, weil die beiden von ihrer gemeinsamen Corona-Vergangenheit profitieren: Als Kultusminister stellte uns Tonne damals jede Woche die neuen Schulregeln vor. Behrens erklärte uns als Gesundheitsministerin, warum in einer weltweiten Pandemie eine Impfung von Vorteil sein kann. Dass sie sich heute als Innenministerin medienwirksam mit Fußball-Ultras anlegt, dürfte im Kampf gegen das Vergessen helfen.
Als erster Spitzenpolitiker ohne direkte Covid-Historie kommt auf Platz vier der amtierende Gesundheitsminister Andreas Philippi mit gerade mal 30 Prozent. Obwohl er mit dem Ärztemangel auf dem Land das zweitwichtigste Problem der Niedersachsen bearbeitet, kennt ihn nicht mal jeder Dritte.
Fazit: In der niedersächsischen Landespolitik zu arbeiten, ist toll, wenn man sonnabends in Ruhe beim Discounter einkaufen will. Man könnte eine komplette Ministerrunde in der Gartenabteilung des nächsten Baumarkts abhalten – und niemand würde davon Notiz nehmen. Für die Betroffenen, die sich gerne profilieren möchten, ist das freilich ein Problem. Vor allem Oppositionsführer Sebastian Lechner hat es schwer: Wer gegen eine Regierung wettert, deren Gesichter das Volk kaum zuordnen kann, kämpft gegen Windmühlen aus Schatten. In der Folge gibt es nur Platz 6 im Bekanntheitsranking.
Am Ende bleibt es beim harten Urteil der Allensbach-Chefin: In Niedersachsen ist man entweder Ministerpräsident – oder man ist derjenige, dem die Leute ihr Handy in die Hand drücken, damit er ein Foto von ihnen mit Olaf Lies macht.

Noch viele weitere Erkenntnisse zur politischen Stimmung in Niedersachsen, darunter auch die Ergebnisse der jüngsten Allensbach-Sonntagsfrage, lesen Sie im heutigen Rundblick. Außerdem berichten über die neuesten Entwicklung rund um den Göttinger Landrat Marcel Riethig, der innerhalb kürzester Zeit eine eher unschmeichelhafte Bekanntheit erreicht hat.
Es verabschiedet sich von Ihnen – bekanntermaßen –
Ihr Christian Wilhelm Link


