24. Feb. 2026 · 
MeldungDigitalisierung

Zentraler, schneller, sicherer: Niedersachsen rebootet die Verwaltungsdigitalisierung

Platz 11 ist nicht genug: Mit einer neuen Taskforce, neuen Strukturen und neuer Finanzkraft blasen Innenministerin Behrens und Staatssekretärin Pörksen zur digitalen Aufholjagd.

Wer in Niedersachsen ein Auto zulassen, Elterngeld beantragen oder eine Baugenehmigung erwirken will, darf sich häufig noch immer auf den Besuch einer Amtsstube einstellen. Im bundesweiten Vergleich der Verwaltungsdigitalisierung reicht es bislang nur für Platz 11. Bei den sogenannten Fokusleistungen – den 16 wichtigsten Behördenleistungen für Bürger und Unternehmen – sind erst 30,5 Prozent flächendeckend digitalisiert. „Das ist kein guter Wert“, räumt Innenministerin Daniela Behrens (SPD) ein. Die Versäumnisse bei Konzept, Geld und Strukturen sollen jedoch der Vergangenheit angehören. Die Landesregierung habe organisatorisch, operativ und finanziell nachgebessert, um möglichst schnell spürbare Ergebnisse zu liefern. „Die Bürger sollen in ihrem Rathaus und ihrem Kreishaus auch wirklich Digitalisierung merken“, sagt die Ministerin. Eine neu geschaffene Taskforce mit 30 Mitarbeitern soll das sogenannte Rollout von Onlinediensten auf ein ganz neues Level bringen. Dafür steht laut Behrens ein zweistelliger Millionenbetrag zur Verfügung. „Die Kommunen sind mittlerweile auch mit an Bord“, betont sie. Ziel der Offensive sei nicht nur mehr Bürgerfreundlichkeit, sondern auch die „spürbare Entlastung der kommunalen Sachbearbeiter“.

  • Doppelstrategie bei KI: In Sachen Künstlicher Intelligenz hat sich das Land bereits auf den Weg gemacht. „Wir sammeln seit 2025 eigene Erfahrungen“, sagt Behrens. Aktuell werden zwei Systeme parallel erprobt: Microsoft Copilot und „LLMoin“, eine Entwicklung aus Hamburg. „Wir nehmen beide und schauen mal, was sich in der Landesverwaltung durchsetzt“, zeigt sich die Ministerin pragmatisch. Beispiele für den Einsatz gibt es bereits: KI unterstützt bei der Einführung der E-Akte in der Justiz, beschleunigt Genehmigungsverfahren für Windkraftprojekte und hilft bei der Umwandlung von Dokumenten in barrierefreie Formate. Trotz aller Innovationsfreude plädiert Behrens für regulatorische Zurückhaltung: „Wir sollten nicht über die KI-Verordnung der EU hinausgehen.“


  • Cyberabwehr im Härtetest: Parallel zur Digitalisierung wächst die Bedrohungslage. Ende Januar stellte Behrens den neuen Cyberschutzschirm „Aegis“ vor, für den das Land 30 Millionen Euro investiert. Seither verzeichnet Niedersachsen einen deutlichen Anstieg an Cyberangriffen und Phishing-Versuchen – offenbar ein gezielter Belastungstest des neuen Systems durch Angreifer. „Cybersicherheit ist kein Nischenprojekt. Wir müssen bei der öffentlichen Verwaltung safe sein“, betont Behrens. Aktuell sind 54 Prozent der Kommunen über die IT-Anbieter des Landes Teil des Schirms. „Für die anderen 46 Prozent müssen wir jetzt nach und nach die Teilnahme ermöglichen“, sagt sie. Dabei handelt es sich um Kommunen, die ihre IT in Eigenregie betreiben.
Alexander Georgiadis soll neuer CIO von Niedersachsen werden. Der promovierte Maschinenbauer ist seit 2017 im Landesdienst, seit 2023 leitet er das Referat Digitalisierung. | Foto: Link
  • Neuer CIO, neue Struktur: Als neuer IT-Bevollmächtigter der Landesregierung steht Alexander Georgiadis bereit, der schon im Wirtschaftsministerium das Digitalisierungsreferat geleitet hatte. Der designierte Nachfolger von Chief Information Officer Horst Baier kann in der neu geschaffenen Abteilung 4 in der Staatskanzlei auf folgende Struktur zurückgreifen: Referat 41 übernimmt die strategische Planung und Steuerung sowie die Staatsmodernisierung, da Digitalisierung laut Georgiadis „oft auch eine rechtliche Komponente hat“. Dort entsteht das Konzept, wie die IT künftig zentral gesteuert werden soll, mit dem Ziel, „fast alle“ IT-Ausgaben ab 2027 zu zentralisieren. Referat 42 legt fest, welche digitalen Technologien für Niedersachsen wichtig sind. Ob KI, Low Code oder Virtual Reality – entscheidend sei der praktische Nutzen. „Was in der Wirtschaft funktioniert, wollen wir auch in die Verwaltung ziehen – und umgekehrt“, sagt Georgiadis. Referat 43 ist für Cybersicherheit zuständig, Referat 44 für die Infrastruktur sowie auch die Themen „Digitale Souveränität“ und „Open Source“. Referat 45 unter Leitung von André Henke treibt die Digitalisierung in den Kommunen voran, wozu auch der Einsatz der Taskforce gehört. Referat 46 verantwortet die Fachaufsicht über IT.Niedersachsen und das Logistik Zentrum Niedersachsen sowie die Finanzsteuerung.


  • Kampfansage in Richtung Süden: Behrens erwartet von ihrer Digitalisierungsstaatssekretärin Anke Pörksen vor allem drei Dinge: „Klarheit in der Steuerung, Tempo in der Umsetzung und eine Kultur der engeren Zusammenarbeit“. Die ehemalige Regierungssprecherin weiß um die Dimension der Aufgabe. „Wir könnten mehr Personal gebrauchen. Wir sind sehr viel kleiner als die zuständigen Instanzen in den anderen Bundesländern.“ Dennoch formuliert sie eine klare Ambition: „Unser Ziel ist es, Bayern und Hessen zu überholen, die gerade massive Unterstützung vom Bund bekommen.“ Ob das gelingt, lässt sich inzwischen nahezu in Echtzeit verfolgen: Im „Dashboard Digitale Verwaltung“ des Bundesdigitalministeriums werden die Fortschritte der Länder regelmäßig dokumentiert – nicht nur bei den Fokusleistungen. Die meisten digitalen Verwaltungsleistungen insgesamt sind demnach in Hamburg (1636), NRW (1553) und Bayern (1455) verfügbar. Schlechter als Niedersachsen mit 1133 flächendeckend verfügbaren Onlinediensten der Verwaltung sind nur noch Brandenburg (1068), Sachsen-Anhalt (1054), Sachsen (1004) und Baden-Württemberg (973).
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #037.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

Artikel teilen

Teilen via Facebook
Teilen via LinkedIn
Teilen via X
Teilen via E-Mail