Die Digitalisierung ist zu groß für ein Klein-Klein
Darum geht es: Die Industrie und Handelskammer Niedersachsen (IHKN) wünscht sich mehr Tempo bei der Digitalisierung und hat konkrete Vorschläge für den Masterplan. Ein Kommentar von Martin Brüning.
Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Das Sprichwort stammt aus dem 18. Jahrhundert und hat auch in Zeiten der Digitalisierung noch seine Gültigkeit. Mit Erschrecken liest man immer wieder Statistiken, in denen Deutschland die hinteren Tabellenränge belegt. Diese Tabellen werden von interessierter Seite immer wieder gerne präsentiert und es geht dabei natürlich immer ums Geld. Kommunen wollen Mittel für den Breitbandausbau. Unternehmer sind plötzlich der Ansicht, dass der Staat sich gefälligst einmal kümmern soll. Und die Digitalwirtschaft hat die Geschäftsfelder der Zukunft im Blick. Nun hat Deutschland im Hinblick auf die Digitalisierung eindeutigen Nachholbedarf. Zum Schwarzsehen besteht allerdings kein Anlass. Denn die Herausforderungen sind erkannt, das zeigt auch der Masterplan Digitalisierung in Niedersachsen. Jetzt geht es darum, die Pläne möglichst effizient und effektiv umzusetzen. Die Hinweise der niedersächsischen Industrie- und Handelskammer sind dabei hilfreich. Denn sie legen an einigen wichtigen Stellen den Finger in die Wunde. Drei Beispiele:
Gutschein-Modell: Mit diesem Vorschlag fasst sich die Wirtschaft erst einmal an die eigene Nase und das ist auch richtig. Denn es ist keineswegs so, dass allein der Staat immer nur Nachholbedarf hat. Auch Unternehmen haben häufig noch nicht erkannt, welche Umbrüche in den kommenden Jahren auf sie zukommen werden. Wer die eigenen Möglichkeiten zur Digitalisierung vernachlässigt, kann am Ende nicht auf die staatlichen Behörden zeigen. Deshalb ist es sinnvoll, mit einer maßvollen Unterstützung gerade die Unternehmen an das Prinzip der Eigeninitiative zu erinnern. „Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen“, hat Augustinus Aurelius schon vor 1600 Jahren gesagt. Übertragen auf die Digitalisierung könnte man formulieren: Nur wer selbst in der Lage ist, ein Kabel zu verlegen, kann Digitalisierungs-Vorreiter werden.
Digitale Schule: Es ist die vermutlich größte Baustelle des Landes und es stellt sich durchaus die Frage, ob ein mit Erlassen notdürftig gesteuertes, überkomplexes System überhaupt in der Lage ist, die Erfordernisse erfolgreich zu erfüllen. Klar ist auf jeden Fall, dass ein bisschen Pilotprojekt hier und ein paar Smartboards dort nichts mit einer erfolgreichen Digitalisierung zu tun haben. Auch ein paar hochmotivierte Lehrer, die sich für die Digitalisierung begeistern, reichen nicht aus. Das Problem fängt bereits an der Hochschule an. Der Lehramtsstudent hat mit der Digitalisierung in etwa so viel zu tun wie der Maschinenbaustudent mit Sigmund Freud. Wäre die Digitalisierung für die Kultuspolitik der vergangenen Jahre zeugnisrelevant, hätte es schon längst ein Elterngespräch mit einer klaren Ansage gegeben: Versetzung gefährdet.
Startup-Förderung: Niedersachsen ist nicht Berlin. Im Bezirk Mitte isst man jetzt Poké. Das ist so etwas wie Sushi auf Hawaiianisch. In Hannover geht man derweil immer noch in die Markthalle und Poké dürfte man dort wohl nicht finden. Aber nicht alle Startupper sind Hipster, die Cold Brew Coffee trinken. Niedersachsen hat jungen Unternehmen viel zu bieten. Man sollte aber auch die speziellen Herausforderungen eines Flächenlandes dabei beachten. Während sich im Zentrum Berlins alle einmal über den Weg laufen, findet der Startup-Unternehmer aus Braunschweig nur schwer den potenziellen Kunden in Emden. Es ist die Aufgabe der regionalen Startup-Zentren, diese Verknüpfung herzustellen.
Digitalisierung und Startup-Kultur finden eben nicht nur in den Kommunen statt, sondern im ganzen Land. Die Landespolitik ist unterwegs in die richtige Richtung. Aber sie muss ihre Aufgabe ernster nehmen, die Digitalisierung in Niedersachsen in geordnete Bahnen zu lenken. Scheinheilige Pilotprojekte erwecken lediglich den Anschein, sich der Aufgabe zu widmen. Die Digitalisierung ist aber zu groß für Klein-Klein.
Mail an den Autor dieses KommentarsDieser Artikel erschien in Ausgabe #87.