2. Feb. 2020
Soziales

„Die alte Debatte über die Schließung von Krankenhäusern war nicht zielführend“

In Apotheken kommt es immer häufiger vor, dass Patienten ihre gewohnten Präparate nicht mehr bekommen. Grund sind Engpässe bei gängigen Arzneien, die es inzwischen immer öfter gibt. Darüber und über die Arbeit der Enquetekommission zur Gesundheitsversorgung sprach Martin Brüning vom Politikjournal Rundblick mit dem Vorstandsvorsitzenden der AOK Niedersachsen, Jürgen Peter. Rundblick: Herr Peter, immer häufiger kommt es vor, dass Medikamente in der Apotheke nicht lieferbar sind. Wie groß ist das Problem aus Ihrer Sicht? Peter: Es gibt leider Lieferengpässe, die man auch sehr ernst nehmen muss. Wir tun aber alles, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Hier gibt es eine gute Zusammenarbeit mit den Apothekern und Ärzten, wodurch man für Patienten das Problem auch nahezu immer zeitnah lösen kann. Insgesamt geht es um relativ wenige Medikamente. Trotzdem ist das natürlich ärgerlich, gerade auch für die Patienten, und führt darüber hinaus zu Mehraufwand bei Apotheken, Ärzten und Krankenkassen. https://youtu.be/8S38IUiAa50 Rundblick: Aber wie ist es überhaupt zu der Entwicklung gekommen? Peter: Die Ursache liegt in der Dynamik der globalen Wirtschaft mit internationalen Herstellungsprozessen. Bei den Grundstoffen hat sich der Markt sehr konzentriert, hier produzieren nur noch sehr wenige internationale Firmen, die vor allem in Indien und China ihren Sitz haben. Wirkstoffhersteller beziehen dann von den wenigen Werken ihre Rohstoffe, um die Arzneimittel herzustellen. Wenn es dann allerdings in Fernost ein Feuer in einer Fabrik oder Verunreinigungen in der Produktion gibt, hat das in der Kette gleich Auswirkungen auf mehrere Medikamente. Rundblick: Jetzt gibt es den Vorschlag, die Produktion wieder nach Europa zurückgeholt wird. Ist das aus Ihrer Sicht machbar und sinnvoll?
Es gibt leider Lieferengpässe, die man auch sehr ernst nehmen muss. Wir tun aber alles, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Peter: Das wäre natürlich gut, weil es hier andere Umwelt- und Sozialstandards gibt. Allerdings bin ich skeptisch, ob das in einer globalen Wirtschaft, in der es auch um Lohnkosten geht, so einfach zu realisieren ist. Es wäre auf jeden Fall keine kurzfristige Lösung und es würde höhere Kosten für die Beitragszahler zur Folge haben. Dabei sind wir schon jetzt trotz der Rabattverträge bei den Generika im Vergleich mit anderen Ländern immer noch sehr hochpreisig. Schneller und einfacher wäre es, bei international tätigen Unternehmen verbindliche Qualitätsstandards zu definieren und diese dann auch zu kontrollieren. Rundblick: Kritik gab es in dem Zusammenhang an den Rabattverträgen der Krankenkassen. Sie würden den Preisdruck erhöhen, wodurch sich die Produktion auf wenige Hersteller von Medikamenten konzentriert. Peter: Wir sehen in den Rabattverträgen ein gutes Instrument zur Steuerung und sehen den positiven Effekt auch anhand der Zahlen. Bei den von der AOK rabattierten Arzneimitteln gibt es eine Versorgungssicherheit von mehr als 99 Prozent. Das hat auch seine Gründe, weil die Unternehmen, mit denen wir Rabattverträge abschließen, eine hohe Planungssicherheit haben. Zudem haben wir in den Verträgen die Möglichkeit, schon im Vorfeld die Voraussetzungen dafür zu prüfen, ob die Lieferfähigkeit sichergestellt werden kann. Und wir vereinbaren verbindliche Meldepflichten, wodurch wir inzwischen ein ziemlich gutes Frühwarnsystem haben, falls es einmal bei einem Medikament zu einem Engpass kommt. Rundblick: Nun könnte man aber statt der exklusiven Rabattverträge mit einem Hersteller doch aber auch sogenannte Mehrpartnerverträge schließen, um die Verfügbarkeit abzusichern? Peter: Wir sind vor gut sechs Jahren mit Mehrpartnerverträgen gestartet, haben aber gesehen, dass das keine gute Lösung für den Mittelstand ist. Bis zu 85 Prozent einer Arznei bestellen die Apotheken dann eben doch bei demselben großen Hersteller, obwohl bei Mehrpartnerverträgen auch andere Hersteller das Medikament produziert haben und auf Lager halten. Letztere bleiben dann auf den Vorratskosten hängen und kommen in eine schwierige Situation. Das trifft in der Regel mittelständische Unternehmen, die sich nur im Markt behaupten können, wenn sie Exklusivverträge bekommen. Man muss es aber differenzieren. Bei umsatzstarken Medikamenten hat es durchaus Sinn, die Verfügbarkeit mit Mehrpartnerverträgen zu steuern. Rundblick: Lassen Sie uns noch einmal auf die Enquetekommission zur Gesundheitsversorgung kommen. Noch haben wir keine Ergebnisse, aber sehen Sie allein durch die Existenz der Kommission einen Prozess in Gang gesetzt?
In einem ländlich strukturierten Land wie Niedersachsen müssen auch kleinere Krankenhäuser für die Versorgung eine Rolle spielen.
Peter: Ja, auf jeden Fall. Es ist etwas angestoßen worden. Inzwischen wird deutlich, an welchen Stellen Rahmenbedingungen verändert werden müssen. Die alte Debatte über Krankenhausschließungen war  nicht zielführend. Es wird immer deutlicher, dass wir über Umstrukturierungen diskutieren müssen. In Ballungsräumen kann man durchaus die Frage stellen, ob kleinere Krankenhäuser für die Versorgung der Bevölkerung überhaupt notwendig sind. Allerdings müssen in einem ländlich strukturierten Land wie Niedersachsen auch kleinere Krankenhäuser für die Versorgung eine Rolle spielen. Rundblick: Wie muss es Ihrer Meinung nach weitergehen? Peter: Wir brauchen einen Rahmen dafür, welche Krankenhäuser strukturnotwendig sind. Grundlage müssen sowohl Qualitäts- als auch wirtschaftliche Kriterien sein. Und wir müssen die Grundversorgung weiterentwickeln. Meiner Meinung nach muss es in den nächsten zwei bis drei Jahren deutlich vorangehen. Es wird ohnehin Veränderungen geben, weil die Ressourcen begrenzt sind, während die Möglichkeiten der Medizin immer weiter wachsen. Das führt zu einer relativen Knappheit. Diese betrifft sowohl die finanziellen Ressourcen aber auch gerade die Anzahl der Ärzte und Pflegekräfte. Unser Leitfaden muss sein: Wo herrscht Überversorgung, wo Unterversorgung und wie können wir einer Fehlversorgung entgegenwirken? Wir brauchen einen sinnvollen Mix von Spitzenmedizin in großen Häusern und die Sicherstellung der Grundversorgung in unserem Flächenland durch die teilweise Weiterentwicklung kleiner Krankenhäuser zu sektorübergreifenden Gesundheitszentren. Ich sehe durchaus Chancen für eine sinnvolle Weiterentwicklung der aktuellen Struktur.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #021.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning