
Mit seiner „Agenda 2035“ legt der Philologenverband eine Mischform aus strategischem Konzept und bildungspolitischem Forderungskatalog vor. Auf rund 50 Seiten positioniert sich der führende Berufsverband für Gymnasiallehrer zu einer ganzen Reihe von aktuellen Herausforderungen und legt damit schon frühzeitig das Fundament für seine Wahlprüfsteine zur nächsten Landtagswahl. Im Rundblick-Podcast erklärt Christoph Rabbow, der Landesvorsitzende des Philologenverbands, welche Zukunft er für das Gymnasium in gut zehn Jahren sieht. Einige Aspekte des Gesprächs fassen wir hier zusammen:
- Ist „Lehrer“ heute noch ein Traumberuf? Spricht man heute über Bildungspolitik, geht es selten um wirklich schöne Themen. Es geht um Überlastung, Niveauverlust, Gewalt. Das macht nicht gerade Lust auf ein Lehramtsstudium. Rabbow erzählt über sich selbst, er hätte die Möglichkeit gehabt, einen anderen Weg einzuschlagen, statt in die Schule hätte er in die Forschung gehen können. „Ich bin froh, dass ich in die Schule gegangen bin“, sagt er sichtlich zufrieden. Der Lehrerberuf könne entweder „der absolute Horror sein“ – oder aber genau „das Ding“, das einem den Kick gibt. „Und für mich hat es nach wie vor immer noch den Kick.“ Wenn Rabbow davon erzählt, wie sich Lerninhalte auseinandernehmen und auf die Schüler anpassen lassen, merkt man ihm seine Leidenschaft für den Beruf an. „Ich finde, diese Kreativität, die man als Lehrer hat, diese pädagogische Freiheit, die haben meine Kollegen, die in die chemische Industrie gegangen sind, nicht gehabt.“ Wem diese Leidenschaft für den Umgang mit Schülern aber fehlt, wer einfach nur ein Fach unterrichten will, ist aus Rabbows Sicht im Schuldienst eher schlecht aufgehoben. „Ich beobachte auch in der Lehrkräfteausbildung immer wieder, dass es da Lehrer gibt, die sagen, ich kann ja mein Fach und eigentlich interessiert mich nur das Fach und wer da vorne sitzt, interessiert mich gar nicht. Und die ziehen dann ihr Ding durch. Und die scheitern.“
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- Taugt der Runderlass zur Gewaltprävention? Es war der Philologenverband, der vor ein paar Jahren mit einer Umfrage dazu beigetragen hat, dass Gewalterfahrung im schulischen Umfeld zum öffentlichen Thema geworden ist. Nun ist der entsprechende Runderlass des Kultusministeriums kurz vor der Fertigstellung. Taugt das, was da kommt? Rabbow lobt, dass die Ministerin „geliefert“ habe. Es sei zudem auch gut, dass an dem Erlass gleich vier Ministerien beteiligt waren: das Innenministerium, das Kultusministerium, das Sozialministerium und das Justizministerium. Der Verbandschef betont allerdings auch: „Ich hoffe sehr, dass sowohl die Prävention als auch die Intervention hier zum Tragen kommen.“ Zudem sei wichtig, dass nicht jede Schule ein eigenes Interventionskonzept entwickeln muss, sondern dass einheitlich gehandelt wird, wenn es Fälle von Mobbing oder gar physischer Gewalt gibt. Der Philologenverband fürchtet nun, dass mit der Präventionsarbeit erneut zusätzliche Arbeit auf die Schulen zukommt – und wünscht sich dafür Entlastung an anderer Stelle.

- Wie muss sich das Arbeitsumfeld verändern? Aufgabenpensum, Ausstattung, Arbeitszeit – die Stellschrauben für das ideale Arbeitsumfeld eines Gymnasiallehrers sind vielfältig. Wie müsste das Arbeitsumfeld aussehen, damit der Philologenverband sagt: Hier gehen unsere Mitglieder gerne zur Arbeit? „Das kann ich eigentlich ganz klar definieren“, sagt Rabbow. „Wenn ich tatsächlich mit 40 Wochenstunden auskomme, so wie das im Beamtengesetz vorgeschrieben ist, wenn ich sagen würde, nach 40 Stunden kann ich meinen Korrekturschrift hinlegen, da habe ich meinen Unterricht gemacht, das wären für mich die optimalen Rahmenbedingungen.“ Allerdings, stellt der Philologen-Chef fest: „Davon sind wir weit entfernt, in allen Schulformen.“ Rechne man die Arbeitsbelastung einer Lehrkraft auf das gesamte Jahr um, lande man bei 46 Stunden pro Woche – also 15 Prozent über dem Soll. „Ich finde, wir sollten da schauen, wo können wir wirklich eine Entlastung machen.“ Von der Idee des Kultusministeriums, die Anzahl der Klausuren als Stellschraube zu nehmen, hält Rabbow weniger. Es sei ein Trugbild, wenn man erwarte, es gebe weniger Korrekturaufwand, wenn Schüler statt einer Klausur einen kombinierten Leistungsnachweis erbringen müssen. Der Aufwand für die Lehrkraft, befürchtet Rabbow, könnte sogar noch zunehmen. Klausuren in den Leistungskursen seien zudem ein wichtiges Training für die Schüler, damit sie im Abitur mit dieser Prüfungsform vertraut sind. Der Vorsitzende des Philologenverbands spricht sich daher dafür aus, die Lehrkräfte lieber von unterrichtsfernen Aufgaben zu entlasten. Er fordert ein Assistenznetz, das bei jugendpsychologischen Problemen helfen kann. „Wenn ein Kind magersüchtig ist oder sich ritzt oder suizidale Gedanken hat und sowas, dafür sind wir Lehrkräfte nicht ausgebildet.“
- Und was ist mit ... Inklusion, Integration, Digitalisierung? „Auch Gymnasien können mit inklusiver Beschulung umgehen“, sagt Rabbow. „Wenn ein Schüler nicht hören kann, nicht sehen kann – das ist überhaupt kein Problem, das kriegen wir hin.“ Doch Rabbow sieht auch Grenzen der Inklusion: „Die Problematik, die wir bei uns in der Schule auch tatsächlich feststellen, ist, wenn wir dort Schülerinnen und Schüler haben, die eigentlich den Ansprüchen des Gymnasiums so nicht genügen können. Natürlich kann ich immer kleinere Aufgabenpäckchen machen und sagen, du kannst das machen. Aber es ist natürlich sowohl für die Schülerinnen und Schüler als auch für die Lehrkräfte natürlich schon ein bisschen problematisch zu sagen, ich muss es immer weiter runterdrücken.“ Rabbow spricht sich dafür aus, die Förderschule Lernen nicht abzuschaffen. Bezüglich der wachsenden Anzahl von Schülern mit Migrationsgeschichte betont Rabbow: „Deutsch ist Bildungssprache, das ist ganz klar. Sprache ist für den Erwerb von Bildung unglaublich wichtig.“ Er plädiert daher dafür, bei Vierjährigen Sprachstandserhebungen durchzuführen und notfalls noch vor der Einschulung entsprechend nachzuhelfen. Bei der geplanten Einführung der Tablets an Niedersachsens weiterführenden Schulen fühlt sich Rabbow an die Einführung der graphikfähigen Taschenrechner vor 30 Jahren erinnert. Auch damals habe man die Technik vor die Inhalte gestellt. Heute kritisiert er erneut: „Jetzt sind die Geräte in der Schule und keiner weiß eigentlich, wie kann ich die ganz konkret umsetzen?“ Ihm fehlen da schlicht die Konzepte.


