
Die CDU im niedersächsischen Landtag lässt nicht locker bei ihrem Anliegen, die vorschulische Sprachförderung im Land neu aufzuziehen. Während ein entsprechender Entschließungsantrag auf Vorschlag des zuständigen Kultusausschusses an diesem Dienstag nun abschließend auch von der rot-grünen Mehrheit im Landtag abgelehnt wurde, brachte die oppositionelle CDU-Fraktion zeitgleich einen Gesetzentwurf ein, der dasselbe Ziel weiterverfolgt. Mit Änderungen am Schul- sowie am Kita-Gesetz des Landes wollen die Christdemokraten erreichen, dass bei Kindern bereits im vorletzten Jahr vor der Einschulung ermittelt wird, wie gut sie Deutsch sprechen können. Werden dabei erhebliche Sprachdefizite festgestellt, sollen dann laut CDU-Entwurf Lehrkräfte von den Schulen in die Kindergärten geschickt werden und dort in entsprechenden Gruppen bei der Sprachförderung helfen. „Wir wollen nicht warten, bis Probleme in der ersten Klasse sichtbar werden. Wenn ein Kind die sprachlichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulstart noch nicht mitbringt, muss es rechtzeitig, gezielt und verpflichtend Förderung erhalten“, begründete die CDU-Bildungspolitikerin Sophie Ramdor das hartnäckige Vorgehen ihrer Fraktion. Für sie stehe dieser Ansatz für Bildungsgerechtigkeit. Ein Viertel der Kinder zeige deutliche Defizite bei der Schuleingangsuntersuchung, ebenso viele erreichten am Ende der vierten Klasse nicht die Mindeststandards. Die Sprachförderung müsse „neu gedacht“ werden, weil das bestehende Konzept nicht ausreiche.
Die Regierungskoalition von SPD und Grünen hält unterdessen am bisherigen Vorgehen fest – zumindest vorerst noch. Der Ausgangspunkt sei klar: Die Sprachförderung müsse weiterentwickelt werden, sagte die SPD-Bildungspolitikerin Corinna Lange zu Beginn ihrer Ausführungen. Rot-Grün verteidigt jedoch den Ansatz der sogenannten „alltagsintegrierten Sprachförderung“, die in Niedersachsen 2014 eingeführt wurde. Sprachbildung finde in niedersächsischen Kindergärten nicht punktuell, sondern kontinuierlich statt, sagte Lange. Zum CDU-Vorschlag, für die Sprachförderung 240 Stunden in separierten Gruppen einzuplanen, erklärte die Sozialdemokratin: „Das ist nicht das, was wir unter alltagsintegriert verstehen und was wir uns für Niedersachsen wünschen.“ Eine Änderung des Kita-Gesetzes lehnte sie zum jetzigen Zeitpunkt ab und erinnerte an die Beratungen auf Bundesebene zu einem Qualitätsentwicklungsgesetz. Deren Abschluss solle abgewartet werden. Pascal Mennen (Grüne) hob vor allem die Bedeutung der Kindergärten als geschützter Raum hervor. Es sei „pädagogisch nicht ratsam, in diesen sensiblen Bereich einzudringen.“ Dass Spracherwerb bedeutsam sei, sieht derweil auch Mennen so. Er nutzte diese Feststellung jedoch, um die CDU aufzufordern, sich beim Bundesinnenministerium dafür einzusetzen, „den Kahlschlag bei freiwilligen Integrationskursen zu stoppen.“
Niedersachsens Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne) verteidigte den alltagsintegrierten Ansatz. Mit Sprachvorbildern zu arbeiten, sei am wirksamsten. Zudem habe das Land den Einrichtungen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, mit denen der Sprachstand erhoben werden könne. Das Land fördere Sprachkindergärten aus Landesmitteln. Und künftig sollen die Kindergärten mit einer dritten Erzieherkraft ausgestattet werden, wodurch es mehr Personal für vernünftige Sprachförderung gebe, führte die Ministerin aus. Sie appellierte allerdings auch an die Eltern, mehr mit ihren Kindern zu interagieren und zu sprechen oder vorzulesen.
In der AfD-Fraktion attestierte man der CDU immerhin Chuzpe für ihr politisches Manöver, die Inhalte des gescheiterten Entschließungsantrags direkt per Gesetzentwurf noch einmal ins parlamentarische Verfahren zu geben. Die Forderungen bezeichnete deren bildungspolitischer Sprecher Harm Rykena als „hoch sinnvoll“ und bot die Zusammenarbeit an. Er kritisierte jedoch, dass die CDU-Fraktion nichts zu den mutmaßlichen Kosten des Sprachförderprogramms sagt, die Rykena selbst im „mehrstelligen Millionenbereich“ jährlich verortet. Die „sogenannte alltagsintegrierte Sprachförderung“ kritisierte er. Dies bedeute in der Praxis nichts anderes als Beliebigkeit: „Sprachförderung findet nicht statt.“
Am Ende der Debatte meldete sich Sophie Ramdor von der CDU noch einmal zu Wort und benannte, was ignoriert worden sei. Es fehle eine Datengrundlage zu allen Kindern. Was sei mit denen, die nicht in einen Kindergarten gehen? Und der alltagsintegrierte Ansatz komme immer dann an seine Grenzen, wenn in einer Gruppe nicht mehr genug Kinder Deutsch sprechen. Diese Fragen bleiben einstweilen unbeantwortet – aber neben der Debatte im Bund wird das Thema nun immerhin auch im Kultusausschuss des Landesparlaments weiter beraten.


