13. Mai 2026 · 
MeldungWirtschaft

Deutsche Messe stellt sich auf Schrumpfkurs ein und sucht mit neuen Köpfen neue Formate

Sanierungsfall Deutsche Messe: Ein neuer Vorstand soll die Flaute beenden und die Trendwende schaffen. Flächenrückbau und neue Formate wie die DSEI sollen die Rettung bringen.

Die Vertreter der Anteilseigner sind von der jüngsten Performance der Deutschen Messe nicht begeistert: Grant Hendrik Tonne (links) und Belit Onay. | Foto: Link

„Wir haben derzeit kein nachhaltiges Konzept für die Deutsche Messe AG“: Mit dieser ungewöhnlich offenen Bestandsaufnahme hat Aufsichtsratschef und Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne am Mittwoch den Druck auf die Deutsche Messe offengelegt. Rückläufige Auslastung, milliardenschwerer Sanierungsbedarf und wachsende Konkurrenz zwingen das Unternehmen zu einem grundlegenden Umbau seines Geschäftsmodells. Die Deutsche Messe befinde sich derzeit nicht in der Lage, aus eigener Kraft das zu erwirtschaften, was für das Fortbestehen nötig wäre. Hannover habe zwar das größte Messegelände der Welt. „Aber beim Umsatz sind wir nicht obenauf mit Frankfurt, München oder Düsseldorf.“ Auch Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender forderte ein neues „zukunftsfähiges und zukunftsorientiertes Geschäftsmodell“ für die Messe, die für die Landeshauptstadt eine besondere Bedeutung habe: „Sie ist für uns das Tor zur Welt.“ Onay betonte, dass sowohl das Veranstaltungsprogramm als auch das Gelände umgebaut werden müssten.

Wie ernst die Lage eingeschätzt wird, verdeutlicht das Engagement des Restrukturierungsexperten Konstantin Kühl von der Beratungsfirma Roland Berger. Das Unternehmen hat sich auf Sanierungsfälle spezialisiert und ist auch bei der Meyer-Werft in Papenburg aktiv. Laut Rundblick-Informationen soll das Unternehmen wohl auch ein S6-Gutachten anfertigen, um die Sanierungsfähigkeit der Deutschen Messe insgesamt zu klären. Kühl übernimmt als Chief Restructuring Officer (CRO) die Entwicklung eines langfristigen Masterplans für die Zukunft der Messe. „Die Deutsche Messe und die Hannover-Messe haben eine unglaubliche Strahlkraft. Jeder kennt sie – auch im internationalen Kontext. Da gibt es noch einige Potenziale, die sich heben lassen“, sagte der neue Sanierer, der als Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg Vorlesungen zum Krisen- und Sanierungsmanagement hält. Tonne erklärte, das Engagement Kühls sei zunächst auf zwei Jahre angelegt. „Ich stehe dem Unternehmen Tag und Nacht zur Verfügung“, betonte der Roland-Berger-Partner und kündigte an, während dieser Zeit keine anderen Mandanten zu betreuen. Gleichzeitig wurde der Vorstand entlang der größten Problemzonen des Unternehmens neu sortiert: Kühl verantwortet die Restrukturierung, Vorstandschef Jochen Köckler das klassische Messegeschäft und der frühere Strategiechef der Messe München, Holger Feist, soll neue Geschäftsfelder sowie die Digitalisierung vorantreiben.

Neue Besen kehren gut: Holger Feist (links) und Konstantin Kühl (rechts) sollen Jochen Köckler unter die Arme greifen. | Foto: Link

Köckler räumte erstmals öffentlich ein, dass künftig womöglich nicht mehr alle Flächen benötigt werden. „Was nützt uns das größte Messegelände der Welt, wenn wir es nicht sinnvoll bewirtschaften?“, fragte der Vorstandsvorsitzende. Außer der Landwirtschaftsmesse Agritechnica gebe es kaum noch Veranstaltungen, die das rund 390.000 Quadratmeter große Gelände mit seinen 25 Hallen vollständig auslasteten. „Für mich als Vorstandsvorsitzenden ist entscheidend: Was haben wir selber in der Hand?“, sagte Köckler. Tonne forderte insbesondere bei der Hannover-Messe wieder Wachstum. „Die 80.000 Quadratmeter Ausstellerfläche sind nicht das, was uns zufriedenstellt. Da soll es einen Aufwuchspfad geben.“ Gleichzeitig setzt die Deutsche Messe verstärkt auf neue Formate wie die Immobilienmesse Real Estate Arena, die Pflegemesse Pro Care oder die ab 2027 geplante Verteidigungs- und Sicherheitsmesse DSEI (Defence & Security Equipment International), die gemeinsam mit Clarion Events organisiert wird. „Historisch hatten wir immer wenige Messen, die in einem kurzen Zeitraum das Gelände gefüllt haben“, sagte Köckler. Künftig müsse die Messe breiter aufgestellt werden.

Darüber, welche neuen Formate erfolgreich sein könnten, muss sich ab sofort Holger Feist den Kopf zerbrechen. Der frühere Strategiechef der Messe München soll insbesondere das Neugeschäft im In- und Ausland sowie die Digitalisierung vorantreiben. Mit den Bereichen Wohnen und Bauen, Energie oder Verteidigung habe Hannover bereits einige „hervorragende Zukunftsfelder“ abgedeckt. Weitere Potenziale könnten etwa im Bereich der digitalen Neuentwicklungen, bei Nachhaltigkeit oder Kreislaufwirtschaft liegen. „Man muss sich die Wettbewerbslage anschauen und überlegen, wo können wir in Hannover wirklich einen Punkt machen“, sagte Feist. Neue Formate müssten sowohl zum wirtschaftlichen Umfeld der Region passen als auch wirtschaftlich tragfähig sein. „Hannover kann Messe und Hannover kann auch neue Messe“, betonte er und sprach sich auch für mehr Gastveranstaltungen wie etwa die IAA Transportation, die EuroBLECH oder die Agritechnica aus.

Der Erfolgsdruck auf das neue Vorstandstrio ist hoch. Vize-Aufsichtsratschef Onay verwies darauf, dass die zuletzt entwickelten Messen in Hannover zwar erfolgreich seien. „Aber das Wachstum dort ist nicht groß genug, um das aufzufangen, was woanders wegbricht.“ Gleichzeitig ist die aus Unternehmenssicht durchaus lukrative Unterbringung von Geflüchteten auf dem Messegelände vorbei und ein zweistelliger Millionenkredit der Nord/LB muss zurückgezahlt werden. „Das führt umso mehr dazu, dass wir ein schlüssiges Zukunftskonzept brauchen“, so Köckler. Der Messechef räumte dabei auch eigene Versäumnisse ein: „Wir haben wahrlich nicht alles richtig gemacht.“ Man müsse künftig früher erkennen, „was die Kunden wirklich wollen“ und „noch besser zuhören“. Seine größte Sorge: „Diesen Nokia-Moment zu verpassen, wo etwas kippt.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #090.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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