3. Jan. 2018
Kommentar

Auch Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive müssen integriert werden

Darum geht es: Nach der Veröffentlichung einer neuen Studie zur Flüchtlingskriminalität fordert Ministerpräsident Stephan Weil, auch den Flüchtlingen Integrationshilfe zu geben, die kaum eine Chance auf Asyl in Deutschland haben. Ein Kommentar von Isabel Christian. An einem Vormittag im Dezember sitzen zwei Frauen im Amtsgericht Celle. Die beiden Türkinnen – Mutter und Tochter – sind als Opfer im Prozess gegen ihren Sohn beziehungsweise Bruder geladen. Seine Schwester soll der Endzwanziger bestohlen und bedroht haben, seine Mutter mehrfach geschlagen. Doch die Aussagen sind für das Gericht weitgehend unbrauchbar. Die Schwester spricht nur gebrochen Deutsch und hat zu viel Angst, ihren Bruder zu belasten. Und die Mutter hat schon auf der Polizeiwache die Fragen kaum beantworten können, weil sie fast kein Wort Deutsch kann. Dabei lebt die Familie seit über 30 Jahren in Deutschland.

Die "Lebenslüge der deutschen Einwandererpolitik"

Fälle völlig misslungener Integration wie diesen gibt es viele, aber sie treten meistens nur dann zutage, wenn Menschen mit der staatlichen Ordnung in Konflikt kommen. Denn im Alltag halten sich schlecht integrierte Ausländer fast nur in ihren Kulturkreisen auf. Sie arbeiten für Landsleute, gehen beim Landsmann einkaufen und treffen sich bei Landsleuten zum Tee. Vor allem viele Türken, Kurden und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten auf diese Weise eine Parallelgesellschaft geschaffen, in der sie nahezu keinen Kontakt zu Deutschen haben müssen. Es ist nicht verwerflich, dass man in der Fremde Kontakt zu Bekanntem sucht. Aber es ist ein Skandal, dass der Staat die Bildung dieser Parallelgesellschaften zugelassen hat.  Und das unter anderem, indem man den Gastarbeitern der siebziger und achtziger Jahre signalisierte: Ihr braucht keine Integration, denn wenn die Arbeit getan ist, geht ihr ohnehin zurück in eure Heimatländer. Diesen Trugschluss bezeichnet Ministerpräsident Weil mit Recht heute als „Lebenslüge der deutschen Einwanderungspolitik“. Auch nach der jüngsten Einwanderungswelle, dieses Mal ausgelöst durch eine Massenflucht vor Krieg und Gewalt, aber auch vor sozialer und finanzieller Perspektivlosigkeit, werden viele Menschen in Deutschland zurückbleiben. Selbst wenn der Krieg vorbei ist und es mit der Wirtschaft im Heimatland bergauf geht. Weil sie sich hier ein Leben aufgebaut haben. Das gilt nicht nur für die anerkannten Asylbewerber. Auch unter denen, die nur geduldet sein werden, weil sie etwa nicht abgeschoben werden können, werden sich viele in ihrer neuen Umgebung einrichten. Deshalb darf man nicht mehr wie bisher Integration danach ausrichten, wer die beste Aussicht auf Asyl hat. Jeder, der als Flüchtling nach Deutschland kommt, sollte an den in den Aufnahmezentren angebotenen „Wegweiser“-Kurse teilnehmen müssen. Und auch die Basissprachkurse an den Volkshochschulen sollten zur Pflicht für jeden Flüchtling werden, der sich in Deutschland aufhält.

Hoffnungslosigkeit führt zu Gewalt

Das hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen sind Grundkenntnisse der deutschen Sprache eine Qualifikation, die auch im Heimatland etwas wert sein kann. Zum anderen haben die Menschen in dieser Zeit ein Ziel, eine Aufgabe, die sie in der ereignislosen Zeit bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag beschäftigt. Jeder, der schon einmal eine längere Zeit arbeitslos war, weiß, wie erdrückend es sein kann, nichts zu tun zu haben. Und darüber hinaus gibt es bei einer Pflicht zum Kursbesuch wesentlich weniger Menschen ohne Landes- und Sprachkenntnisse, die eigentlich nicht hätten bleiben dürfen, es schließlich aber doch tun. Die aktuelle Studie des Bundessozialministeriums zeigt, dass gerade die Hoffnungslosigkeit auf eine Zukunft in Deutschland viele junge Flüchtlinge aus Nordafrika zu Gewalttaten treibt. An den Aufnahmebestimmungen für diese Herkunftsländer sollte man nicht rütteln. Aber man kann den jungen Männern eine andere Hoffnung geben. Darauf, auch in der Heimat nicht mehr zu den Verlierern gehören zu müssen. Das geht nur durch Bildung. Und das Geld dafür sollte uns die Aussicht auf ein sicheres Zusammenleben wert sein.   Mail an die Autorin dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #1.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum