
Niedersachsens Kultusministerium erwartet in den kommenden zehn Jahren keine spürbare Entspannung in den Klassenzimmern. Mit rund 898.000 Schülern rechnet die Behörde zum Beginn des neuen Schuljahres an diesem Donnerstag – erneut ein Anstieg im Vorjahresvergleich. Für gut 82.000 Erstklässler beginnt den aktuellen Anmeldungen zufolge am Sonnabend der schulische Ernst. Leichte Schwankungen sind noch möglich. Von einer demografischen Rendite, von der lange ausgegangen wurde, könne keine Rede mehr sein, erklärte Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) am Mittwoch in der Landespressekonferenz. Der amtlichen Statistik zufolge könne erst ab 2036 mit einem Rückgang der Schülerzahlen gerechnet werden. Bis dahin geht man von einem jährlichen Zuwachs aus. Unter Berücksichtigung der Bevölkerungsvorausberechnung und der Geburtenzahlen bis einschließlich 2024 zeichnet sich eine Entspannung in den Grundschulen etwa ab 2028 ab. An den allgemeinbildenden Schulen wird der Schüler-Höchststand dann zehn Jahre später erwartet. Erst danach beginnt die Kurve wieder leicht abzuflachen.
Der anwachsenden Schülerschar stehen gleichzeitig mehr Lehrkräfte denn je gegenüber. Es sei dem Kultusministerium gelungen, 762 mehr Lehrer einzustellen als zugleich aus dem Schuldienst ausscheiden, erklärte Ministerin Hamburg. Für den kommenden Landeshaushalt plant die rot-grüne Koalition zudem, erneut 1350 zusätzliche Lehrerstellen bereitzustellen. Im aktuellen Einstellungsverfahren hat das Kultusministerium zuerst 1500 Stellen ausgeschrieben. Diese Zahl orientierte sich an den prognostizierten Abschlüssen an den niedersächsischen Studienseminaren. Da es mehr Interessenten gegeben haben soll, habe die Regierung zusätzliche 100 Stellen in die Ausschreibung gegeben. Die insgesamt 1600 ausgeschriebenen Vollzeitstellen wurden bislang allerdings von lediglich 1414 Lehrkräften angenommen. Ob alle diese Stellen tatsächlich in Vollzeit besetzt werden, kann das Kultusministerium zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Immerhin: Die Besetzungsquote liegt mit 88 Prozent deutlich über dem statistischen Vorjahreswert. Damals hatte man zum Schulstart erst 83 Prozent der ausgeschriebenen Stellen besetzen können. Auf die Frage, warum das Kultusministerium die Lehrerstellen unterhalb des tatsächlichen Bedarfs ausschreibt, antwortete die Ministerin mit finanziellen und strategischen Erwägungen. Lehrer seien teuer und das Geld im Landeshaushalt begrenzt. Würde man für alle benötigten Lehrkräfte Stellen vorhalten, würde das hohe Summen binden, die dann nicht anderweitig genutzt werden könnten. Zudem wolle das Kultusministerium die Ausschreibungen auch zur Steuerung einsetzen. Damit nicht alle Bewerber in die ohnehin schon überdurchschnittlich versorgten Regionen gehen, müsse man mithilfe von gezielten Ausschreibungen auch in Richtung der Bedarfsregionen lenken.

In der oppositionellen CDU-Landtagsfraktion stellt man der rot-grünen Landesregierung für ihre Bildungspolitik ein schlechtes Zeugnis aus. Fraktionschef Sebastian Lechner fordert konkrete Maßnahmen, um nun zügig ausreichend zusätzliche Lehrkräfte zu gewinnen. So sollte seiner Meinung nach die Anerkennung von Abschlüssen bei Lehramtsinteressierten vereinfacht werden. Er fordert eine Reform der Lehrerausbildung sowie eine Quereinsteiger-Offensive. Kurzfristig könnten Lehrer zudem entlastet werden, indem man sie von Verwaltungstätigkeiten befreit. Lechner mahnte, dass der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung zu scheitern drohe. Seit zwei Jahren fehle ein entsprechender Erlass, damit Kommunen und Verbände rechtssicher planen können. Die angekündigte Tablet-Offensive der Landesregierung bezeichnet Lechner als falsche Schwerpunktsetzung. Die 800 Millionen Euro wären für Sonderpädagogen besser ausgegeben, sagte er. Zudem fehle das Konzept sowohl für die Ausgabe und Wartung der Geräte als auch für den pädagogisch sinnvollen Einsatz im Unterricht. Ministerin Hamburg hatte zuvor auf Nachfrage erklärt, die Lehrkräfte seien bereits gut fortgebildet und die meisten Schulen hätten ein Medienkonzept. Zudem habe das Kultusministerium bereits viele Software-Programme angeschafft, die im Unterricht eingesetzt werden. Ein Konzept müsse jetzt erarbeitet und Mindeststandards müssten festgelegt werden, räumte sie ein. Bei einem großen System wie dem Schulbetrieb in Niedersachsen brauche es allerdings Zeit, bis das überall ankommt, sagte die Ministerin.


