(rb) Der Begriff „Kultur“ ist heute allgegenwärtig. Von der „Streitkultur“ auf Parteitagen bis zur „Unternehmenskultur“ bei Volkswagen sowie der gerade in diesen Zeiten oft beschworenen „Kultur des Miteinanders“ und der „Willkommenskultur“ in Sachen Flüchtlingspolitik – stets wird dem Ausdruck etwas Wichtiges und über die Alltagsdinge Hinausgehendes zugeordnet. Der boomende Gebrauch des Begriffes legt seine Attraktivität, aber zugleich auch seine Probleme offen: „Kultur“, damit ist heute vieles, ja fast alles gemeint, von der Kultursoziologie bis zur Kulturanthropologie, von der Literatur und Musik bis zur Malerei, Skulptur und Archäologie.
In den Fraktionen des Landtags hat man sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch nie um die Sitze im entsprechenden Fachausschuss gedrängt, noch wurden die Arbeitskreisvorsitzenden in einer Kampfabstimmung benannt. Im Gegenteil, so mancher ist zur Kulturpolitik schlicht „verdonnert“ worden. Dies macht die Unsicherheit deutlich, die bereits der Begriff „Kunst“ bei jenen auslöst, die es lieber mit einem konkreten Zahlenwerk und klar definierten Problemstellungen zu tun haben wollen. Kunst ist gerade im politischen Raum für viele die große Unbekannte, die diffus herausfordernde und in scheinbar keine Geschäftsordnung zu integrierende Form von Empathie und Kreativität. Für viele politisch Tätige schafft sie eher Distanz statt Nähe, denn die politischen Rituale gelten im Kulturgeschehen verständlicherweise nichts.
Verkannt wird vor allem in konservativen und bürgerlichen Kreisen, dass die Kunst nichts anderes ist als ein Spiegelbild sich verändernder gesellschaftlicher Bedingungen. So sind z.B. alle Formen der sogenannten Moderne in der Malerei auch ein Reflex auf die jeweiligen Lebensbedingungen und zeithistorischen Herausforderungen. Dies war bei Leonardo da Vinci so und bei Dürer, Kandinsky oder Joseph Beuys nicht anders, und so wird es auch in Zukunft bleiben. Kunst darf natürlich erbaulich sein, aber richtig verstanden muss sie auch provozieren und herausfordern. Kunst ist darüber hinaus aber immer auch ein Synonym für Freiheit. Diktatoren haben auf das Kunstgeschehen stets zuerst ihre bleierne Hand gelegt.
Natürlich darf man Kunst kritisieren, aber die Geschichte sollte uns gelehrt haben, dass der Staat in diesem Bereich niemals ein reglementierendes Element sein darf. Nicht umsonst hat unser Grundgesetz die Freiheit der Kunst in besonderer Weise unter ihren Schutz gestellt. Die Kritiker am Freischütz in Hannover stehen in einer langen Reihe von Ablehnenden. Zu ihnen gehört das Konzil von Trient, das die Malereien von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle als ketzerisch bezeichnet hat. Auch der „Fiesko“ von Friedrich Schiller fand zunächst ein äußerst negatives Echo. Nicht zuletzt sind die Nanas in Hannover ein gutes Beispiel dafür, dass die Kritiker aus den Reihen der hannoverschen CDU hätte warnen müssen. Nach der Aufstellung der Figuren von Niki de Saint Phalle im Jahr 1974 kam die stärkste Ablehnung aus der Union. Heute sind die Figuren der Künstlerin dagegen eine echte Attraktion in der Stadt Hannover. Eine Partei, die die gesellschaftlichen Strukturen einer Großstadt offensiv anzunehmen bereit ist, sollte ihre Interventionen tiefer hängen, denn in unserer freiheitlichen Demokratie wird niemand gezwungen, in die Oper zu gehen oder sich eine Ausstellung anzusehen. glDieser Artikel erschien in Ausgabe #6.