2. Feb. 2026 · 
TagesKolumne

Am Rand der Kurve

Autofahrer, Radler, Fußgänger – moralisch fühlt sich jede Gruppe im Recht. Statistisch ist das eher unwahrscheinlich.

Es gibt Sätze, die sind wie Schlaglöcher: Sobald man auf sie trifft, ist man plötzlich hellwach. Einen solchen äußerte der oberste Vertreter der Fahrradindustrie, Burkhard Stork, beim Verkehrsgerichtstag in Goslar. Als es auf dem Podium um strengere Regeln speziell für Pedelecs ging, konterte er trocken: „Die Gaußsche Normalverteilung der Idioten ist bei allen Verkehrsteilnehmern gleich.“

Die Gaußsche Normalverteilung – jene Glockenkurve aus dem Mathematikunterricht – beschreibt, dass sich die meisten Werte in der Mitte häufen, während die Extreme an den Rändern liegen. Übertragen auf den Straßenverkehr heißt das: Die meisten fahren passabel. Ein paar aber benehmen sich komplett daneben. Und diese paar verteilen sich völlig unparteiisch auf Sättel, Sitze und Turnschuhe.

Doch im Berufsverkehr werden wir selten zu Statistikern, sondern eher zu Sartre: Die Hölle, das sind die anderen. Der Autofahrer schimpft über den Radfahrer, der bei Rot noch rüberzieht. Der Radfahrer flucht über den SUV, der mit Zentimeterabstand überholt. Und sobald der Autofahrer am Wochenende selbst auf das E-Bike steigt, wird aus dem Verkehrssünder plötzlich ein Opfer der „katastrophalen Infrastruktur“. Die Rollen wechseln schneller als die Gangschaltung.

Die Glockenkurve irrt nicht: Rücksichtslosigkeit verteilt sich ziemlich gleichmäßig auf Lenkräder, Sättel und Fußgängerzonen. | Foto: Link/mit KI generiert

Die Statistik kennt keine Moral. Sie ist grausam demokratisch. Es gibt rücksichtslose Porsche-Schnösel, rücksichtslose Lastenrad-Muttis und rücksichtslose Jogger mit Ohrstöpseln. Und manchmal gehören wir selbst dazu – natürlich nur mit der besten Begründung der Welt: Wir hatten es eilig.

Vielleicht ist das die wahre Verkehrswende: Die Erkenntnis, dass nicht das Gefährt das Problem ist, sondern das Ego, das damit unterwegs ist. Wenn Sie also das nächste Mal geschnitten werden, lächeln Sie milde. Sie haben gerade einen Ausreißer am Rande der Statistik getroffen. Und falls Sie selbst mal jemanden die Vorfahrt nehmen: Keine Sorge. Sie halten lediglich den Durchschnitt stabil.

Damit wir uns vor lauter Statistik nicht ganz aus der Kurve tragen lassen, kommen hier die Themen der heutigen Ausgabe:

  • Oliver Junk im Gespräch: Der frühere Goslarer OB Oliver Junk ist Favorit für die CDU-Kandidatur zum Regionspräsidenten in Hannover. Er könnten im Duell mit Eva Bender (SPD) antreten. In dieser Woche will die CDU sich auf einen Bewerber festlegen.


  • Budde räumt Fehler ein: Hat die Regierung in einer Pressemitteilung einen tüchtigen Bürokratieabbau nur vorgetäuscht? Der Regierungssprecher muss vor der Landespresse zurückrudern.


  • Experten fordern mehr Strenge: Alkohol auf dem Rad, Handy am Steuer, steigende Führerscheinkosten: Der Deutsche Verkehrsgerichtstag in Goslar setzt auf klare Regeln und gezielte Unterstützung.

Einen guten Start in die Woche mit möglichst wenig Begegnungen am Rande der Glockenkurve wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #020.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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