"Langes Nachdenken, gute Analyse, treffende Formulierung" - Foto: SPD[/caption]
Also wieder ein Niedersachse, der zweite nach Christian Wulff? Nicht wenige in der niedersächsischen Landesverwaltung sehen das so, denn die Zeit von Steinmeier in Hannover hat zwar formal nicht lange gedauert. Er kam 1991 von der Uni als junger Referent in die Staatskanzlei, zuständig für Medienfragen. Er ging sieben Jahre später, nach dem SPD-Sieg bei der Bundestagswahl. Ein paar Jahre vorher schon war er in Goslar als Soldat bei der Ausbildungseinheit der Luftwaffe (in der Kaserne, in der ein paar Jahre später auch Sigmar Gabriel seinen Grundwehrdienst ableisten sollte). Wenn man die Goslar-Zeit ausklammert, ist das in Steinmeiers Biographie eher eine knappe Zeitspanne – aber politisch ist sie für ihn ganz maßgeblich.
Da ist zum einen sein Weg an der Seite von Schröder. 1993 wurde er sein Büroleiter, begleitete Schröder im Wahlkampf 1994, der dann den Wechsel von Rot-Grün zur absoluten Mehrheit brachte. Aus einem von vielen Beamten wurde Steinmeier ein wichtiger, hatte bald den Ruf, nicht nur die Termine seines Chefs im Blick zu haben, sondern auch der perfekte Ratgeber zu sein. Er hieß damals in SPD-Kreisen „der Frank“, erst nach der Bundestagswahl 1998 wurde daraus „Frank-Walter“. Nach der Landtagswahl 1994 folgte der Aufstieg zum Abteilungsleiter in der Staatskanzlei – an der Seite von Brigitte Zypries, der späteren Bundesjustizministerin, die Steinmeier schon aus Studententagen kennt. Damals hatten beide für eine linke juristische Studentenzeitschrift geschrieben. 1996, nach dem Rücktritt von Finanzminister Hinrich Swieter, stieg Staatskanzleichef Willi Waike zum Finanzminister auf – und Steinmeier wurde Chef der Staatskanzlei. Viele kennen ihn aus jener Zeit noch, fast alle reden gut über ihn. Wo Schröder aufbrausend und jähzornig werden konnte, wirkte Steinmeier ausgleichend und beruhigend. „Er war gründlich, wägte jede Entscheidung gut ab, zeigte Einfühlungsvermögen und Integrationskraft. Es kam nicht vor, dass er mal aus der Haut fuhr“, erklärt der heutige Rechnungshof-Senator Lutz Bardelle, der damals in der Staatskanzlei arbeitete. Andere berichten, dass Steinmeier oft einsprang, wenn es nötig war, um eine diplomatisch vertrackte Situation zu retten, in der das direkte Agieren Schröders vielleicht Schaden angerichtet hätte. „Er hält alle Fäden in der Hand und ist dabei uneitel. Der Steinmeier trägt seine Aktentasche lieber allein“, meinte ein Weggefährte über ihn damals, Anfang 1998. Bernd Ellerbrock (Grüne), der damals in der Staatskanzlei tätig war, sagt heute: „Er war nie ein 150prozentiger Parteimensch – und ich hoffe, das ist bis heute so geblieben.“ Hannovers Regionspräsident Hauke Jagau (SPD), damals auch Kollege in der Staatskanzlei, sagt: „Niemand konnte so gut zuhören wie er. Auch wenn er im Stress war, gab er den Gesprächspartnern nie das Gefühl, dass er nicht alle Zeit der Welt hätte.“ Joachim Werren (FDP), seinerzeit Abteilungsleiter der Staatskanzlei, sagt: „Schon als er im kleinen Zimmer unterm Dach der Staatskanzlei saß, als frischgebackener Rundfunkreferent, hat er die Leute verblüfft: langes Nachdenken, gute Analyse, treffende Formulierung.“
Das zweite, was an Hannover für Steinmeiers Karriere so wichtig war, ist das politische Umfeld. Seine Fähigkeiten sprachen sich in Hannover herum – und das auch bei vielen, die später in der Bundespolitik eine nicht unwichtige Rolle einnehmen sollten. Christian Wulff war damals Oppositionsführer. Der Kontakt zwischen Schröder und ihm war nicht gut, aber zuweilen notwendig – und dann führte er über Steinmeier. Heute kann Wulff für den SPD-Mann ein guter Ratgeber sein, wenn es um Fallstricke und Tücken des Bundespräsidentenamtes geht. Zu Schröders Ministerpräsidentenzeit gab es auch zwei aufmüpfige junge SPD-Landtagsabgeordnete, die sich am scheinbar übermächtigen Regierungschef mit eigenen Initiativen abarbeiten wollten. Es waren Thomas Oppermann und Sigmar Gabriel. Beide sind heute die Führungsfiguren der Bundes-SPD, Gabriel ist Parteichef, Oppermann Vorsitzender der Bundestagsfraktion. Nun ist es nicht so, dass beide den künftigen Bundespräsidenten besonders gefördert hätten. Vielmehr war es umgekehrt: Erst erlebte Steinmeier auf der Bundesebene seinen Aufstieg (wieder, wie bei ihm üblich, an Schröders Seite). Die beiden anderen kamen dann später hinzu, eroberten sich ihre Plätze. Alle drei kennen sich seit langer Zeit aus ihren politischen Anfängen – und diese sind in der niedersächsischen Landespolitik begründet. Wenn Gabriel und Oppermann sich über den harten Sparkurs der Schröder-Zeit aus den Jahren 1994 bis 1998 ärgerten, wenn sie politische Initiativen aus Schröders Staatskanzlei vermissten oder die Angepasstheit der SPD-Landtagsfraktion rügten, dann rieben sie sich damals auch an Steinmeier – und prallten regelmäßig an seiner vermittelnden Art ab. Heute haben sich die Themen gedreht, die Rollen verändert, der Grundtenor bleibt: Steinmeier ruhig, diplomatisch abwägend, Gabriel vorpreschend, Oppermann stets versuchend, mit klugen Formulierungen Aufmerksamkeit zu erhaschen.
Für Steinmeier war die Hannover-Zeit auch insoweit prägend, als er hier politische Freundschaften begründete, von denen viele bis heute halten – vorwiegend in linksintellektuellen, kulturell interessierten Kreisen. Viel Aufhebens hat er darum nie gemacht. Ganz Steinmeier eben. (kw)

