8. Jan. 2026 · 
HintergrundWissenschaft

Alles nur noch vegan? Niedersachsens Forscher blicken in die Zukunft der Ernährung

Wie werden künftige Generationen ihre Ernährung sicherstellen? Wird der Fleischkonsum so stark bleiben? In Niedersachsen wird die Forschung in diesem Sektor konzentriert.

Der Name lässt den unbedarften Hörer im ersten Moment vielleicht an den großen Hadronenbeschleuniger denken. Doch abgesehen vom gemeinsamen Anspruch, Spitzenforschung zu betreiben, haben das CERN in der Schweiz und der ZERN hier in Niedersachsen nicht besonders viel miteinander gemeinsam. Während die einen atomare Teilchen aufeinanderprallen lassen, werden im anderen die klügsten Köpfe der Agrar- und Ernährungsforschung zueinander geführt. Ihre Herausforderung: Wie lässt sich die Lebensmittelproduktion in Niedersachsen zukunftsfest aufstellen? In diesem Januar ist es zwei Jahre her, dass sich der Forschungs- und Transferverbund „Zukunft der Ernährung in Niedersachsen“ (ZERN) gegründet hat. Forscher vom Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) in Quakenbrück, von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) und von der Georg-August-Universität Göttingen arbeiten seitdem gemeinsam an Projekten zu Ackerbau, Grünlandbewirtschaftung und Nutztierhaltung. Später kamen noch die Hochschule und die Universität Osnabrück, das Grünlandzentrum in der Wesermarsch und die Leibniz-Universität Hannover hinzu.

Die Idee zu diesem Zusammenschluss geht auf Überlegungen der Landeshochschulkonferenz im zweiten Jahr der Corona-Pandemie zurück, erinnert sich Prof. Bernhard Brümmer von der Universität Göttingen im Rundblick-Gespräch. Im Wissenschaftsministerium hatte man sich damals noch unter Minister Björn Thümler (CDU) vorgenommen, bestimmte Bereiche der niedersächsischen Forschungslandschaft klug miteinander zu vernetzen, um die akademischen Leuchttürme des Landes sichtbarer zu machen. Die Idee überstand den Regierungswechsel und die finanziellen Mittel aus der Porsche-Sonderdividende sollten ihren Teil dazu beitragen, eine Wissenschaftsförderung neuen Typs auf die Gleise zu setzen. Biomedizin, Quantenforschung und Lebensmittelgewinnung – das waren die ersten drei Forschungsfelder, in denen Niedersachsen vorangehen wollte. Herausgekommen sind das „Institute for Biomedical Translation (IBT) Lower Saxony“ an der Medizinischen Hochschule Hannover, das „Quantum Valley Lower Saxony“ an der Uni Hannover und eben das ZERN mit seiner Koordinierungsstelle an der Uni Göttingen.

Was aber sollen diese Verbünde im Allgemeinen und das ZERN im Besonderen überhaupt leisten? Grob gesagt, sollen alle Verbünde in der Zeit ihrer Förderung Strukturen aufbauen, die sich auch ohne das zusätzliche staatliche Geld noch tragen werden. Und sie sollen gemeinsam mehr erreichen, als sie allein hinbekommen hätten. Für die drei ursprünglichen Akteure des ZERN war es allein die räumliche Distanz, die eine Zusammenarbeit unwahrscheinlich gemacht hatten. Drei Autostunden zwischen Quakenbrück und Göttingen nimmt man nicht ohne triftigen Grund auf sich. Das Flächenland Niedersachsen ist aber auch ein Agrarland und das Agribusiness ist noch der zweitwichtigste Wirtschaftszweig nach der Automobilwirtschaft. Doch die Ernährungsgewohnheiten ändern sich ebenso wie die Ansprüche an die Arbeitsweise im Agrarsektor. Das ZERN soll deshalb wissenschaftlich begründete Antworten auf die schlichte wie komplexe Frage finden, wie sich die Menschen künftig ernähren und was das für die Landwirtschaft bedeutet. Die gezielte Vernetzung trägt derweil erste praktische Früchte. Inzwischen arbeiten beispielsweise das DIL und die TiHo an einem gemeinsamen Master-Studiengang, berichtet Prof. Brümmer. Es sei ein gemeinsames Ziel des Verbundprojektes, eine akademische Lücke zu schließen und die Ernährungswissenschaften auf ein universitäres Niveau zu heben. „Keinem Standort allein wird dies gelingen“, sagt der Universitätsprofessor, der in Göttingen das Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung leitet.

Ein Treiber dieser Entwicklung hin zu einer universitären Ernährungsforschung sollen auch die drei sogenannten „Nachwuchsgruppen“ sein – eine an jedem Standort der Verbundpartner. In Göttingen leitet der Juniorprofessor Dela-Dem Doe Fiankor eine Forschungsgruppe, die Lebensmittel im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Politik betrachtet. Untersucht werden soll dabei, wie globale und lokale Schocks die Zukunft der Lebensmittel- und Ernährungsversorgung in Niedersachsen beeinflussen können. Die Forscher denken dabei an Klimastörungen, Tierseuchen oder geopolitische Konflikte. Die jüngere Vergangenheit hat derweil auch einem nicht-akademischen Publikum gezeigt, worum es geht: Als etwa infolge der Corona-Pandemie zahlreiche Grenzkontrollen eingeführt wurden, hat das auch die Lieferketten für Lebensmittel beeinflusst, der russische Angriff auf die Ukraine hat die Getreide- und Energiemärkte durcheinandergewirbelt und schon wenige Fälle der „afrikanischen Schweinepest“ haben Exporte nach China zum Erliegen gebracht. Am DIL in Quakenbrück forschen derweil sechs Wissenschaftlerinnen in einer „Nachwuchsgruppe“ rund um Prof. Simone Lipinski an Mikro- und Nanostrukturen von Lebensmitteln. Die identifizierten Präparate sollen aufzeigen, inwiefern die Strukturen für eine ernährungs- und gesundheitsbezogene Anwendung brauchbar sind. In der dritten „Nachwuchsgruppe“ an der TiHo beschäftigen sich Nina Volkmann und Brianne Altmann mit den Ansprüchen von Nutztieren an ihre Haltungsumwelt – also mit der Frage, wie der Stall der Zukunft auszusehen hat. Speziell im Fokus stehen hier die Legehennen.

Wie relevant die Forschung rund um die Ernährung von morgen schon in diesen Tagen wird, zeigt unterdessen eine politische Frage, die aktuell in Brüssel verhandelt wird. Konservative Parteien setzen sich dort dafür ein, dass nur Wurst genannt werden darf, wo auch Tier drinsteckt. Ein Projekt beim ZERN geht derweil der Frage nach, wie die Alternative zur Currywurst aussehen kann. Dabei gehe es nicht ausschließlich um vegane Varianten, berichtet ZERN-Koordinatorin Linda Armbrecht. Untersucht werden auch Mischverhältnisse von Schwein und beispielsweise Erbsenproteinen. Bis zu 30 Prozent der Proteine einer Wurst könnten problemlos pflanzlich gewonnen werden, erläutert sie. Was nicht nach besonders viel klingt, könne über die Masse eine Menge ausmachen – viel Fleisch, das eingespart wird, auch wenn die Konsumenten nicht auf Fleisch in der Wurst verzichten wollen. Ob sich das auch ökonomisch durchsetzt? Das zeigt die Zukunft. Und ZERN.

Dieser Artikel erschien am 9.1.2026 in Ausgabe #004.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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