Je älter die Leute werden, desto hektischer kommt ihnen der Lauf der Dinge vor. Als wir alle noch Schüler waren, konnten wir den 18. Geburtstag kaum erwarten. Die Zeit bis zur Volljährigkeit dauerte und dauerte - man schien gefangen in der Jugend und sehnte sich nach dem Erwachsenwerden. Bei Menschen, die die 50 überschritten haben, setzt eher ein anderer Effekt ein: Man ist manchmal überrascht davon, wieviel Zeit schon vergangen ist. "Das ist doch so, als wäre es gerade erst gestern gewesen", sagt man dann – und meint ein Ereignis, das schon zehn oder 15 Jahre zurückliegt.

Das ist ja das Verflixte an diesem Leben: Nie geht es einem schnell oder langsam genug, man ist immer überrascht von einer quälend langen Dauer oder einer erschreckend kurzen Zeitspanne. Wenn viele jetzt in den Urlaub gehen, freuen sie sich auf Entspannung und Ablenkung – um dann nach zwei Wochen zu merken, dass die Aus-Zeit schon wieder fast vorbei ist. Ganz besonders spürbar wird das Verhexte an unserem Zeitempfinden immer dann, wenn man selbst runde Geburtstage feiert. Dann merkt man entweder das Altern, trauert einer (verloren geglaubten) Jugendlichkeit nach oder es wird einem auf einmal bewusst, dass man ja schon zum "alten Eisen" gehört. Die Ausprägung dieser Gefühle hängt übrigens weniger vom konkreten erreichten Alter ab, denn sie können höchst unterschiedlich sein. In einer Gemeinschaft, die sich durch ausgeprägte Jugendlichkeit auszeichnet, kann man mit 40 schon Sorge vor der eigenen Ausgrenzung spüren. Und die sprichwörtliche Gelassenheit, die mit zunehmendem Alter wachsen soll, ist längst nicht jedem gegeben.

Warum dies jetzt ein Thema der Tageskolumne ist? Weil erst kürzlich in der Landesregierung etwas sehr Sonderbares geschah: Im Abstand von je zwei Tagen feierten drei Mitglieder des Kabinetts jeweils einen runden Geburtstag. Den Anfang machte am 22. Juni der Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne - er wurde 50. So richtig fröhlich und ausgelassen wirkte er in den Tagen rund um dieses Ereignis nicht. Ob es daran liegt, dass er seine Gefühle nie so offen zeigt – oder eher daran, dass der 50. Geburtstag auch für ihn mindestens so viel Grund zum Nachdenken liefert wie zum Feiern? Bei den anderen beiden war es nicht viel anders. Am 24. Juni, also zwei Tage später, begang die Innen-Staatssekretärin für Digitalisierung, Anke Pörksen, ihren 60. Geburtstag. Sie ist eine rheinische Frohnatur, und da zeitgleich zu ihrem Geburtstag auch der Niedersächsische Städtetag seinen "Parlamentarischen Abend" feierte, wurde Pörksen zu Ehren ein Liedchen angestimmt. Sie sang fröhlich mit, aber danach herrschte dann schnell wieder politische Geschäftigkeit in den Gesprächen. Wieder zwei Tage darauf, am 26. Juni, war die Vize-Ministerpräsidentin Julia Hamburg an der Reihe. Sie wurde 40 – und ist damit die Jüngste in der Ministerrunde, zugleich aber auch eine der Mächtigsten. Wie fröhlich sie an ihrem Ehrentag gefeiert hat, ist nicht überliefert. Es war kein Journalist dabei.
Zumindest die drei Kabinettsmitglieder dürften also in diesen Sommertagen des Jahres 2026 einige Gedanken an die Zeitläufte und die Endlichkeit des politischen Wirkens verschwendet haben – und auch an das Geschwindigkeitsempfinden der eigenen Arbeit. Sie dürften sich auch gefragt haben, wie viel Zeit sie und alle anderen Abgeordneten, Minister und Spitzenbeamten im Landtag mit Dingen verbringen, die eigentlich gar nicht wichtig sind. Das haben schon sehr viele gemerkt, die in diesem System stecken. Einen richtigen Ausweg hat noch keiner von ihnen gefunden.

Im Politikjournal Rundblick widmen wir uns heute diesen Themen:
Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Rest dieser Sommerwoche. Und sollten Sie bald einen runden Geburtstag haben – nehmen Sie's gelassen, dem Alter gemäß.
Klaus Wallbaum


