„Alkoholverbot“ klingt gut, ist aber keine wirkliche Lösung
Darum geht es: Im Koalitionsvertrag haben SPD und CDU festgelegt, dass sie ein mögliches Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen prüfen wollen. Innenminister Boris Pistorius sagte gestern, das Thema könne im neuen Polizeigesetz eine Rolle spielen. Ein Kommentar von Isabel Christian.
Sie sind kein schöner Anblick. Schon morgens stehen die Männer und Frauen in Grüppchen auf dem Raschplatz in Hannover, unterhalten sich lautstark und nicht immer deutlich, viele von ihnen nehmen regelmäßig einen Schluck aus der Plastikbierflasche oder dem Tetrapack mit Billigwein. Die Trinkergruppen, die sich direkt hinter dem Hauptbahnhof treffen, sind der Stadt schon lange ein Dorn im Auge. Denn ihretwegen meiden viele Hannoveraner den erst vor einigen Jahren aufwändig sanierten Platz. Und wenn die Trinker selbst weitergezogen sind, hinterlassen sie oft ihren Müll. Die CDU im Stadtrat hatte schon 2016 ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen angeregt. Doch der Vorschlag wurde abgelehnt. Stattdessen hat die Stadt einen neuen Ordnungsdienst eingerichtet, der die Trinkergruppen kontrollieren soll. Ein Vorstoß mit Aussicht auf kleine Erfolge. Wenn man dieses Problem aber wirklich lösen will, helfen nicht nur Verbote und Ordnungshüter.
Die Grundfrage ist simpel: Warum stehen diese Menschen da eigentlich? Und die Antwort ist ebenso einfach: Weil sie keinen anderen Ort haben, um sich unverbindlich zu treffen, miteinander zu reden und dabei ihre Sucht zu befriedigen. Denn diese Menschen trinken schließlich nicht morgens um halb zehn Wein aus dem Tetrapak, weil das so lecker ist. Sondern weil sie alkoholabhängig sind. Und der Sucht ist es egal, was für eine Tageszeit ist und wer dabei zusieht. Man darf nicht glauben, dass Süchtigen ihre Krankheit nicht peinlich wäre. Denn das ist sie. Doch die Sucht und all ihre Folgen lassen sich für viele leichter ertragen, wenn man unter Gleichgesinnten ist. Und diese Gleichgesinnten finden sich nun mal in der Regel auf der Straße. Natürlich könnten sich diese Menschen auch in den Obdachlosenunterkünften und Tagestreffs treffen. Doch dort ist Alkohol nicht erlaubt. Auch vor der Tür nicht. Und irgendwelche Zufallsbekanntschaften zum Trinken nach Hause einladen? Das wollen auch offen Abhängige oft nicht. Sofern sie denn überhaupt ein Zuhause haben.
Verjagt die Stadtverwaltung nun die Trinkergruppen mit einem Alkoholverbot von öffentlichen Plätzen, so hören die Trinker nicht auf, süchtig zu sein und sich nach einem Gespräch mit Menschen zu sehnen, denen es so geht wie ihnen. Dürfen sich die Trinker nicht mehr auf diesem oder jenem Platz treffen, na gut, dann gehen sie eben woanders hin. In das Wäldchen neben der Schule zum Beispiel. Oder an die Straßenecke vor dem Supermarkt. Auch da werden sie nicht willkommen sein. Und dann geht das Verbotsspiel von vorn los. Anstatt also nur über Verbotsstrategien nachzudenken, sollte sich die Politik vielmehr fragen, was man darüber hinaus tun kann, damit die Trinker von selbst von den öffentlichen Plätzen verschwinden. Und das beginnt damit, dass man ihnen ein Gegenangebot macht.
Man sollte ihnen einen Ort anbieten, an dem sie sich treffen und gemeinsam Alkohol trinken können, ohne dass es jemanden stört. Das kann mit dem Verbot verknüpft sein, außerhalb dieses Ortes öffentlich Alkohol zu trinken. Denn mit einer Alternative verbunden, würde ein solches Verbot eine ganz andere Wirkung entfalten. Zudem hätte es den Vorteil, dass die Stadt mehr Erkenntnisse über die Szene gewinnt. Unruhestifter würden schneller erkannt, das Kommen und Gehen in der Gruppe auch. Das erleichtert den Mitarbeitern der Suchthilfeeinrichtungen ihre Betreuungs- und Hilfsarbeit. Mit einem reinen Verbot dagegen macht man es dagegen auch denen schwer, die die Trinker eigentlich aus ihrer Sucht holen wollen und sollen.
Mail an die Autorin dieses KommentarsDieser Artikel erschien in Ausgabe #55.