Viele Jahre lang hat mich ein Traum verfolgt, in dem ich meine Abiturprüfung noch ein zweites Mal ablegen musste. In aller Regel war es das Matheabitur. Je länger die Schulzeit zurücklag, desto häufiger fiel mir im Traum ein, dass ich schon sehr lange keinen Matheunterricht mehr hatte. Das lag wohl am Lehrermangel, muss ich dann geträumt haben, und hielt es für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit – was es ja auch gewesen wäre.

Die Traumdeuter verraten mir, was diese Prüfungsträume in Wahrheit ausdrücken. Meist seien sie ein Zeichen von Stress im Alltag, von Furcht vor einer neuen Herausforderung oder des Gefühls, von anderen bewertet zu werden. Ach was. Inzwischen träume ich nicht mehr vom Matheabitur. Dass ich mit Stress besser umgehen kann, bedeutet das deshalb aber noch lange nicht. Denn in meinen Träumen wurde die Abiturprüfung bloß abgelöst von dieser einen letzten Seminararbeit, die ich unbedingt noch abgeben muss, damit ich mein Studium endlich abschließen kann. Jetzt sagen Sie mir bitte nicht, Sie kennen diese Träume nicht auch.
Zu viele Aufgaben, zu wenig Zeit. Zu viele lose Enden, die alle noch verknüpft werden müssen. Das sind Gefühle, die sicher nicht nur meinen beruflichen Alltag prägen. Wer sogar die Regierungsgeschäfte führt, kennt das allzumal. Nur fünf Jahre Zeit und so viele Vorhaben, die man gerne im eigenen Sinne umsetzen möchte. An ein weiteres könnte Niedersachsens Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne) bald schon einen Haken machen. Die Oberstufenreform biegt auf die Zielgerade ein. Auch dieses bildungspolitische Großprojekt war ein Marathon, kein Sprint. Niedersachsens Abiturienten sollen künftig mehr Wahlfreiheit und weniger Stress haben. Wie genau die Pläne aussehen und wie sie sich verändert haben, habe ich mit der Kultusministerin in einer neuen Folge vom Politiknerds-Podcast besprochen:
In dem Podcast-Gespräch verraten wir beide auch, welche Fächer wir damals abgewählt haben, sobald es ging, und warum das Fach Erdkunde (zu Recht?) der geheime Champion der Reformpläne ist. Lässt Ihnen das alltägliche Zusammenknüpfen loser Enden nicht genug Zeit, um sich die 38 Minuten anzuhören, lesen Sie heute im Rundblick wie gewohnt die wichtigsten Fakten in aller Kürze – das sind unsere Themen:
Eine Frage bleibt für mich auch nach Podcast und Pressekonferenz unbeantwortet: Wenn das Abitur nun künftig so viel stressfreier sein soll, aus welcher Erinnerung speisen sich dann bloß die Angstträume künftiger Generationen?
Ruhige Träume wünscht
Ihr Niklas Kleinwächter


