Abendmahl mit Süßigkeiten? Materialheft des Kirchentags erregt Protest in den Gemeinden

Im Vorfeld des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der Ende April in Hannover beginnt, ist eine Debatte über das christliche Abendmahl entbrannt. Auslöser war eine Handreichung, die vonseiten der Kirchentagsorganisatoren an die Kirchengemeinden der Landeshauptstadt ausgegeben worden ist. In dem 45 Seiten starken Papier mit dem Titel „Feierabendmahl mit Herz und Wundertüte“, das bereits auf dem Deckblatt mit einer ausgekippten bunten Tüte illustriert ist, werden ab Seite 29 Anregungen für eine Abendmahlsfeier mit Süßigkeiten gegeben. Dieses Dokument erregte in Teilen der evangelisch-lutherischen Gemeinden Protest. Zwischenzeitlich wurde die Handreichung aus dem Download-Bereich der Kirchentags-Website entfernt und eine neue Fassung ohne die Süßigkeiten-Variante ausgegeben. Ralph Charbonnier, Geistlicher Vize-Präsident des Landeskirchenamts in Hannover, begrüßt in einem Schreiben an die Kirchengemeinden die Entscheidung des Kirchentags, den ursprünglichen Entwurf zurückzuziehen. Zugleich empfiehlt er den Gemeinden, sich an dem Abendmahls-Entwurf ohne bunte Tüte zu orientieren. Damit ist der kircheninterne Konflikt allerdings noch längst nicht befriedet. Denn die Kirchentags-Veranstalter weisen vorsorglich schon einmal auf die Möglichkeit hin, dass auch das infrage stehende Format als Feierabendmahl gefeiert wird – denn das ursprüngliche Materialheft ist nun einmal schon in der Welt und kann oder soll offenbar nicht zurückgezogen werden.
Für Eike Kassebaum, Richter am Landgericht und Vorstand der Gartenkirche in Hannover, ist dieser Umstand ein großes Ärgernis. Gemeinsam mit weiteren Unterstützern hat er sich mit einem Protestbrief an die Präsidentin des Kirchentags, Anja Siegesmund, gewandt. In dem Schreiben, das dem Politikjournal Rundblick vorliegt, drücken sie ihre Besorgnis über den Vorschlag aus, auf den Altar Süßigkeiten anstelle von Brot und Wein zu bringen und darüber die Einsetzungsworte zu sprechen. „Als evangelisch-lutherische Christinnen und Christen empfinden wir es als äußerst befremdlich, das Sakrament in dieser Form zu feiern oder auch nur im genannten Materialheft als scheinbar zulässige Form darzustellen.“ Anders als die Katholische Kirche kennen die Protestanten lediglich zwei Sakramente: die Taufe und das Abendmahl. Gemeint ist damit ein Ritus, in dem die unsichtbare Wirklichkeit Gottes sichtbar werde – für gläubige Christen also ein extrem hohes Gut.
„Das Abendmahl ist kein bloßes gemeinsames Essen. Mit Brot und Wein empfängt die Gemeinde Leib und Blut Christi, wie auch immer das im Einzelnen zu verstehen ist, wird in die Gemeinschaft des Leibes Christi, der Erde und Himmel umspannt, gestellt und ihr wird die Vergebung der Sünden zugesprochen“, schreibt Kassebaum in seiner Protestnote und verweist auf die lutherischen Bekenntnisschriften. In der Idee, Süßigkeiten statt Brot und Wein in eine Abendmahlfeier einzuführen, sehen Kassebaum und die Mitunterzeichner eine Abkehr von einer „tiefen biblischen und liturgischen Verwurzelung“, die auf die christlich-jüdische Tradition des „Letzten Abendmahls“ Jesu Christi mit seinen Jüngern am Abend vor seiner Kreuzigung zurückgeht. Der Umgang mit religiösen Ritualen hat immer auch eine emotionale Komponente, Kassebaum schreibt: „Diese Veränderung empfinden wir nicht nur als theologisch unhaltbar, sondern auch als schmerzhaft und entfremdend.“
Die Kritiker des Materialheftes fordern nun von der Leitung des Kirchentags eine „unmissverständliche Klarstellung“, dass es sich bei dem Vorschlag nicht um eine zulässige Form der Abendmahlsfeier handelt. Auch die Landeskirche Hannovers vertritt diese Position und betont die Abgrenzung anderer Mahlfeiern zum tatsächlichen Abendmahl. Bislang ist jedoch die Haltung der Verantwortlichen scheinbar eine andere. In dem Anschreiben, das Kassebaum dem Protestbrief in der vergangenen Woche vorangestellt hat, wird auf eine Veranstaltung mit der Kirchentagspastorin Anne Helene Kratzert verwiesen. Bei dieser Gelegenheit soll die Verantwortliche für das geistlich-liturgische Programm des Kirchentags die anwesenden Pastoren ermutigt haben, die Süßigkeiten-Variante anzuwenden: „Niemand kann euch vorschreiben, wie ihr Abendmahl feiert“, zitiert Kassebaum aus der Begebenheit. Auch in der Leitung der Landeskirche Hannovers nimmt man an dieser Kommunikationsstrategie offenbar Anstoß und sucht den weiteren Austausch mit den Kirchentags-Organisatoren.
Dieser Artikel erschien am 04.04.2025 in der Ausgabe #065.
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