2. Feb. 2016
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Zur Sache: Arbeitsplatz Schule

(rb) Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt will das Jahr 2016 nutzen, um den „Arbeitsplatz Schule“ insgesamt intensiv unter die Lupe zu nehmen. Initialzündung waren sicherlich die erbitterten Auseinandersetzungen mit den Lehrerverbänden um die für das Schuljahr 2014/15 verordnete eine Stunde Mehrarbeit für Gymnasialkräfte, die die Landesregierung auf Geheiß des Oberverwaltungsgerichts wieder zurücknehmen musste. Bei dem Vorhaben der Ministerin steht allerdings nicht die Frage im Vordergrund, ob Lehrkräfte künftig weniger oder mehr unterrichten sollen, sondern wie Schule besser und effektiver organisiert werden kann, damit Schulleitungen, Lehrkräfte und das übrige pädagogische Personal möglichst effektiv und stressfrei ihre Jobs bewältigen können. Im Vorfeld hat Heiligenstadt unmissverständlich signalisiert, dass es angesichts des größten Kultushaushalts in der Geschichte Niedersachsens keinen weiteren Spielraum für eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung oder für mehr Ausgleichsstunden gibt. „Wir werden nicht an der Arbeitszeit drehen“, unterstrich die Ministerin jetzt vor Journalisten. Stattdessen sollen „mehr Zeit für gute Schule und weniger Papierkram“ am Ende eines neuerlichen Dialogforums stehen, das am vorigen Freitag erstmals in Hannover getagt hat. Die Fachleute des Kultusministeriums treffen hier auf Experten der Lehrerorganisationen sowie auf Gesundheits- und Arbeitswissenschaftler/innen. Auf Grundlage einer Online-Befragung, an der sich die ca. 86 000 Lehrer/innen an öffentlichen allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen in Niedersachsen freiwillig beteiligen können, sollen zunächst Belastungen im Schulalltag durch Rechts- und Verwaltungsvorschriften sowie administrative Tätigkeiten identifiziert, zugleich Ideen und Verbesserungsvorschläge abgefragt werden. Dies soll noch vor den Sommerferien, also im Mai oder Juni, geschehen. Die 120 000 Euro teure Befragung sei weder eine Beruhigungspille noch ein „virtueller Kummerkasten“, betont Heiligenstadt. Sie möchte wissen, bei welchen Aufgaben Lehrkräfte mehr Unterstützung brauchen, welche Vorgaben praxistauglicher gestaltet werden sollten und welche Tätigkeiten aus Sicht der Lehrkräfte möglicherweise wegfallen könnten. Die Ergebnisse, die am Ende der Befragung und deren Auswertung stehen, sollen Grundlage für Entscheidungen sein, wo und auf welche Weise Entlastung der Lehrkräfte im Schulalltag geschaffen werden können. Das Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften (ZAG) der Leuphana-Universität Lüneburg unter Leitung von Prof. Dr. Peter Paulus wird mit dem Projekt beauftragt. Die Erkenntnisse sollen in der zweiten Jahreshälfte 2016 in eine differenzierte Arbeitszeitanalyse einfließen. Das Dialogforum hat die Aufgabe, in den kommenden Wochen die konkreten Fragestellungen auszuarbeiten. Heiligenstadt vergleicht ihren Plan, landesweit empirisch abgesichert individuelle Erfahrungen und das Knowhow der Lehrkräfte zu erfragen, mit dem Betrieblichen Vorschlagswesen. Dies sei ein demokratischer, moderner Weg zur Mitwirkung an der perspektivischen Verbesserung des Arbeitsplatzes Schule. Zusätzlich sollen weitere Erkenntnisse in die Arbeitszeitanalyse einfließen. Dazu gehören u.a. die Befragung von Schulleitungen durch die Landesschulbehörde aus dem Jahr 2012, eine Online-Befragung aller Grundschullehrkräfte zum Umgang mit den Kerncurricula für die Umsetzung der Eigenverantwortlichen Schule durch das Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (2010 bis 2012), eine Untersuchung zu Auswirkungen der Bildungsregion auf Schule (2015) sowie die wissenschaftliche Begleitung des Schulinspektionsverfahrens und Vergleichsarbeiten VERA. Dazu werden erste Ergebnisse im April 2016 erwartet. Die Kultusministerin kann zu Recht davon ausgehen, dass diese Online-Befragung bundesweit Interesse wecken und am Ende möglicherweise Maßstäbe setzen wird. Auch aus diesem Grund muss sie viel Wert darauf legen, eine fundierte Studie auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik vorzulegen. Bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Lehrer/ innen die Chance nutzen, sich daran zu beteiligen und sich nicht von ihren jeweiligen Verbandsfunktionären davon abbringen lassen, die individuelle Sicht auf ihren Arbeitsplatz zu schildern. Die GEW etwa hat bereits erklärt, sie werde bei der Ausarbeitung der Umfrage nicht mitmachen. Hier will man sich lieber auf die eigene Arbeitszeituntersuchung verlassen, deren Ergebnisse im August vorgelegt werden sollen, nachdem an über 250 Schulen etwa 3000 Lehrkräfte ein Jahr lang ihre Arbeitszeit minutengenau aufgeschrieben haben. Eigentlich braucht die GEW aber selbst ihre eigenen Studien nicht. Landeschef Eberhard Brandt hat schon eine Liste für die Kultusministerin fertig mit Punkten, die „stören“ und abgeschafft gehören: Vergleichsarbeiten, zentrale Schulabschlussprüfungen, die landesweite Schulinspektion mit anschließenden Zielvereinbarungen, an die Schulen delegierte Aufgaben wie das Schulgirokonto, Einstellungen und andere Personalmaßnahmen. bri
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #22.
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