(rb) Dass er den Menschen am Rande des Truppenübungsplatzes Munster in der Lüneburger Heide immer näher gekommen ist, wird nun sein Verhängnis. Das Umweltministerium hat die Entnahme des besenderten Raubtieres aus der freien Natur angeordnet. Die Landtags-CDU reagierte mit mahnenden Worten: Die Landesregierung dürfe im Fall des Problemwolfs kein weiteres Risiko eingehen und solle das Tier töten lassen, verlangte der CDU-Abgeordnete Ernst-Ingolf Angermann. Es habe im Landkreis Celle eine „auffällige Distanzlosigkeit“ gegenüber Menschen gezeigt, attestierte Umwelt-Staatssekretärin Almut Kottwitz dem Wolf. Priorität solle nun die Betäubung des Tieres und eine Umsiedlung in ein Gehege haben, sagte die Grünen-Politikerin. Aber auch ein Abschuss ist nicht ausgeschlossen.
Im Jahr 2007 wurde der erste Wolf in Niedersachsen nachgewiesen. Zuvor war das scheue Wildtier im 19. Jahrhundert in ganz Deutschland ausgerottet worden. Erst 1998 siedelte sich wieder ein Wolf in Sachsen an. Durch seine natürliche Verbreitung kommt er inzwischen in verschiedenen Teilen der Bundesrepublik wieder vor. Je öfter Wölfe nachgewiesen werden, desto heftiger wird die Debatte darüber geführt, ob die Tiere nicht dem Jagdrecht unterliegen sollten und ob nicht ihre Stückzahl durch die Jäger reduziert werden soll. Doch das Gesetz schützt den Wolf. Bereits seit 1980 zählt er in Deutschland zu den streng zu schützenden Wildtierarten. Er unterliegt zudem dem weltweit geltenden Washingtoner Artenschutzabkommen. Deshalb konnte sich der Wolf seit dem Fall der Mauer und der Grenzsicherungsanlagen der früheren DDR aus dem Osten kommend recht ungehindert ausbreiten. Immer neue Rudel sind entstanden. Inzwischen werden bundesweit bis zu 50 unterschiedliche Wolfsterritorien gezählt. Verluste in der Population gibt es vorwiegend durch Verkehrsunfälle. Immer wieder geraten Wölfe beim Überqueren von Bundesstraßen oder Autobahnen unter die tödlichen Räder von Lastwagen.
Verluste haben aber auch die Landwirte zu beklagen. Immer mehr Wölfe decken ihren Tisch auf Schafsweiden. Auch dem Rindvieh gehen sie nicht aus dem Weg. Jedoch vergeht kaum ein Riss, ohne das sich Nutztierhalter und Landesbehörde über die Entschädigung streiten. In Einzelfällen gehen die Halter sogar leer aus, wenn z.B. der Herdenzaun nicht hoch genug ist. Hohe Zäune, Hütehunde und die große Aufmerksamkeit der Tierhalter sollen die Tierrisse reduzieren helfen. Unzählige Schafsrisse in Niedersachsen legen ein Zeugnis davon ab, dass der Wolf längst die Lüneburger Heide und den Truppenübungsplatz verlassen hat. Bis nach Ostfriesland und sogar in die benachbarten Niederlande hat es im vergangenen Jahr einen Wolf auf seiner langen Wanderschaft quer durch das Land gezogen. Er wurde am Ende Opfer eines Verkehrsunfalls. Inzwischen wurden Wölfe im Osnabrücker Land, in der Grafschaft Bentheim oder im Kreis Nienburg nachgewiesen.
Weil es die Politik der niedersächsischen Landesregierung ist, dem Wolf in Niedersachsen wieder eine Heimat zu ermöglichen, gibt es inzwischen nicht nur viele Wölfe im Lande, sondern auch viele Wolfsberater. Es gibt ein Wolfs-Monitoring, ein Wolfs-Konzept, Wolfsbeauftragte und ein Wolfsbüro. Und es gibt Befürworter und Gegner der Wiederansiedlung. Der für den Artenschutz zuständige Umweltminister Stefan Wenzel von den Grünen heißt den Wolf willkommen. „Das Land Niedersachsen begrüßt die natürliche Rückkehr des Wolfes als heimische Wildtierart“, heißt es unmissverständlich im Wolfs-Konzept der Landesregierung. Der Minister setzt auf öffentliche Aufklärung, um den Menschen die Ängste vor dem Raubtier zu nehmen.
Überall dort, wo Wölfe sich Menschen nähern, stehen die Kritiker auf. Sie befürchten Übergriffe auf Kinder, haben Angst vor Angriffen. Deshalb konnte die niedersächsische Landesregierung auf diesen zunehmenden öffentlichen Druck gar nicht anders handeln. Im Fall des Problemwolfs aus der Lüneburger Heide reichten Vergrämungsmaßnahmen wie lautes Schreien nicht aus. Selbst Gummigeschosse sind in einem solchen Fall zugelassen. Nun aber wird betäubt oder getötet. Schließlich aber stellt sich die Frage nach dem nächsten Problemwolf, denn es ist die Politik der Landesregierung, die weitere natürliche Verbreitung der Tiere nicht zu stören. So wird es unweigerlich geschehen, dass irgendwo in Niedersachsen irgendein Wolf den Menschen wieder zu nahe kommt. stuDieser Artikel erschien in Ausgabe #81.