(rb) Die schwere Havarie der 400 Meter langen und 59 Meter breiten „Indian Ocean“ in der Elbe bei Stade hat der rotgrünen Landesregierung eine Steilvorlage geliefert. Die Koalitionäre nutzen die Situation, um ganz ungeniert und eigennützig Standortmarketing für den Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven zu betreiben. Niedersachsen ist Mehrheitseigentümer des einzigen Tiefwasserhafens in Deutschland. Das Land Bremen hält mit 49,9 Prozent die kleinere Beteiligung. Grund genug also, sich mit Vehemenz für die Interessen des östlichsten Tiefwasserhafens Europas einzusetzen. Wirtschaftsminister Olaf Lies erklärte öffentlich, ein solcher Unfall sei schon lange zu befürchten gewesen. Wichtig für die Zukunft sei, dass die Häfen Wilhelmshaven, Hamburg und Bremerhaven nun enger kooperierten, sagt der Sozialdemokrat, der auch an der Spitze des Aufsichtsrats der Jade-Weser-Port Realisierungsgesellschaft steht.
Umweltminister Stefan Wenzel von den Grünen, dessen Staatssekretärin Almuth Kottwitz ebenfalls im Hafen-Aufsichtsrat sitzt, sprang Lies rasch zur Seite. Übergroße Schiffe, deren Manövrierfähigkeit bei Starkwind nachlasse, gehörten nicht auf die Elbe, sondern in den Tiefwasserhafen nach Wilhelmshaven. Wenzel verlangt eine Minimierung der Risiken im Schiffsverkehr auf der Elbe. Sollte sich ein Container-Riese wie die „Indian Ocean“ in der Elbe quer legen, wäre der Fluss blockiert und der Hamburger Hafen abgeschnitten.
Die „Indian Ocean“ zählt zu den größten Containerschiffen der Welt. Sie fährt unter chinesischer Flagge. Das Schiff, das bis zu 19 000 der 20-Fuß-Standardcontainer laden kann, war auf dem Weg vom britischen Felixstowe nach Hamburg. Das Schiff kann die Elbe nur befahren, wenn es nicht voll beladen ist. In Wilhelmshaven kann der Frachter jedoch voll beladen anlegen. Dort gibt es im tideunabhängigen Jade-Weser-Port eine Kaianlage, an der gleichzeitig vier dieser Container-Riesen mit einem Tiefgang von bis zu 18 Metern zum Be- und Entladen festmachen können.
Die „Indian Ocean“ havarierte, weil die Ruderanlage auf der Elbe ausfiel und hatte schon bei der Anfahrt nach Hamburg Schwierigkeiten: Das Schiff steuerte in der vergangenen Woche zunächst auf der Tiefwasserreede vor Helgoland einen Ankerplatz an, um auf das Einfahren in die Elbe zu warten. Dabei verlor der Gigant aus bislang unbekannten Gründen seinen Steuerbordanker samt 100 Meter Ankerkette. Der gut zehn Tonnen schwere Anker rauschte auf Nimmerwiedersehen in die Tiefen der Nordsee. Das Schiff machte sich dann mit dem verbliebenen zweiten Anker auf den Weg nach Hamburg. Nun nimmt die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung den Vorfall genauer unter die Lupe.
Der Jade-Weser-Port befindet sich nach einem schwachen Start inzwischen auf einem guten Weg, wissen auch die beiden Kabinettsmitglieder Lies und Wenzel. Im vergangenen Jahr wurden dort 426 700 Standardcontainer umgeschlagen. Das waren sechs Mal so viele wie im Jahr 2014. Insgesamt ist der Hafen für den jährlichen Umschlag von bis zu 2,7 Millionen Containern ausgelegt. Obwohl die Maximal-Auslastung noch in weiter Ferne ist, gibt es bei der Landesregierung bereits Überlegungen für einen Ausbau und eine Erweiterung des Tiefwasserhafens.
Sollte das Freischleppen des havarierten Frachters auf der Elbe länger dauern, dürfte die politische Debatte um die umstrittene Vertiefung des Elbefahrwassers neuen Schwung bekommen. In der Hamburger Bürgerschaft wird bereits davor gewarnt, an der Vertiefung der Elbe festzuhalten: Würde die Fahrrinne tiefer ausgebaggert, könnten noch mehr der Container-Riesen Hamburg anlaufen. Die Risiken und Gefahren für den Fluss würden damit zunehmen. Derweil laufen die Arbeiten zur Bergung des Havaristen auf Hochtouren. Tausende Tonnen Schweröl wurden abgepumpt, um das Schiff zu leichtern. Ein Abladen von Containern ist hingegen kaum möglich, denn in der Bundesrepublik gibt es keinen so großen Schwimmkran, der die Container aus einer Höhe von 50 bis 60 Metern von Deck heben und auf kleinere Schiffe umladen könnte. Nun soll die höher als das normale Hochwasser auflaufende Springtide am Dienstag genutzt werden, um die „Indian Ocean“ wieder flott zu machen. stuDieser Artikel erschien in Ausgabe #27.