25. Jan. 2016
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Zum Tage: Die Quadratur des Kreises

(rb) Die Vielfalt der Meinungen ist eines der wichtigsten Elemente einer funktionierenden Demokratie. Das Abwägen des Für und Wider, das Gegeneinanderhalten kontroverser Überzeugungen, alles das gehört zum Substrat einer aufgeklärten Gesellschaft. Der Journalismus in Deutschland hat auf diesem Gebiet schon vieles für die Stärkung von Freiheit, Menschlichkeit und Toleranz geleistet; wer wollte das bestreiten. Verantwortungsbewusste Berichterstattung ist heute jedoch weit mehr als die narrative Fähigkeit, das Populäre, aber zuweilen Unmögliche, in Schriftform zu bringen. Die anstehenden Probleme in der Flüchtlingspolitik verbieten journalistische Leichtfertigkeit in besonderer Weise. Die Schwierigkeiten sind zu gravierend, die Lösungsmöglichkeiten für uns und die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder zu tiefgreifend, als dass ein entschiedenes „sowohl als auch“ erlaubt sein darf. Zugegeben, die Versuchung der Akteure an den redaktionellen Schreibtischen ist dieser Tage groß. Das ist sogar verständlich, denn im Lostopf der Themen besteht wie auf dem Ölmarkt ein Überangebot. Aber im Gegensatz zu diesem geht es bei Menschen, die sich nicht ganz uneitel als „Vierte Gewalt“ verstehen, auch um Rationalität und Verantwortung. Natürlich sind die Möglichkeiten des Empörtseins dieser Tage geradezu unerschöpflich. Die hohe Zahl von Flüchtlingen ist genauso empörend wie die Forderung nach geschlossenen Grenzen. Die Einrichtung von Stacheldraht umzäunten Hot-Spots ebenso unerträglich wie die Bilder ertrunkener Menschen an den Küsten Italiens und Griechenlands. Auch heute noch gibt es Menschen, die man wegen ihres Wohlstandes, ihrer Freiheit und ihrer Möglichkeiten, ihr Leben zu genießen, beneiden darf. Angela Merkel gehört dieser Tage ganz sicher nicht dazu. Die Flüchtlingszahlen müssen runter; darin sind sich die Deutschen von Horst Seehofer bis Sahra Wagenknecht (fast) einig. Aber wenn die Kanzlerin mit Erdogan verhandelt, überschreitet sie nach Auffassung mancher bereits die Grenze des moralisch Erlaubten, obwohl vielen diese Maßstäbe bei den Kontakten mit Wladimir Putin und Xi Jinping nicht einfallen. Gleichgültig, was sie tut – die Auswahl, etwas richtig oder falsch machen zu können, hat sie nicht mehr, denn der vorhersehbare Gang der Ereignisse gibt ihr keine Chance, etwas allseits Zustimmungsfähiges zu entscheiden. Es ist wie so oft in der Politik: Handeln kann genauso unmoralisch sein wie das Nichthandeln. Die Kanzlerin hat nur eine Chance: Sie muss das tun, was sie auf der Basis ihrer ethischen Maßstäbe persönlich verantworten kann. Und das war bisher allemal moralisch. In Kreuth bei den Granden der CSU ein zweites Mal nicht eingeknickt zu sein, nötigt jedenfalls Respekt ab. Beneidenswert sind jene, denen die Last der Entscheidung nicht auferlegt ist. Der Welt hat Angela Merkel jedenfalls gezeigt, dass Deutschland mehr kann, als Exportweltmeister zu sein, und das ist ja für sich genommen schon außerordentlich wichtig. Gleichwohl, die Quadratur des Kreises wird ihr noch lange erhalten bleiben. gl
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #16.
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