20. Okt. 2020
Soziales

Zuhören in der Krise: „Das große Thema am Sorgentelefon ist die Einsamkeit“

Die Corona-Pandemie führt erneut zu mehr Vereinzelung, zu mehr Einsamkeit. Nachdem die warmen Sommermonate die Infektionszahlen haben sinken lassen und wieder mehr Kontakte vor allem im Freien möglich waren, zwingt nun das aktuelle Infektionsgeschehen wieder viele Menschen in die Isolation. Geplante Treffen fallen aus, Gruppen können sich nur eingeschränkt versammeln, vor allem die Risikogruppen, ältere Menschen, sind davon erneut besonders betroffen. Deshalb ist seit ein paar Wochen nun auch das Seelsorge-Telefon der christlichen Kirchen in Niedersachsen wieder verstärkt im Einsatz. Täglich von 14 bis 20 Uhr stehen ausgebildete Seelsorger, Pastoren oder Ehrenamtliche, für telefonische Gespräche zur Verfügung. Bereits während der ersten Corona-Welle im Frühjahr hatten die Kirchen das Angebot der Telefon- und Notfallseelsorge ausgeweitet.
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Am 6. April war die Seelsorge-Hotline gestartet, am 14. Juni stellte die Kirche sie vorläufig wieder ein, weil sich die Lage zu normalisieren schien. Im Zeitraum dazwischen waren bei der Seelsorge-Hotline insgesamt 1278 Anrufe eingegangen, wie eine Auswertung des Projektes ergeben hat. Von diesen Anrufen wurden allerdings nur 539 Telefonate entgegengenommen. Die sehr viel größere Zahl, nämlich 739 Anrufe, konnte nicht beantwortet werden, weil alle drei parallel geschalteten Leitungen belegt waren. Ein Zeichen dafür, wie groß die Nachfrage war. Zählt man alle Gespräche zusammen, haben die Seelsorger fast 150 Stunden telefoniert. Dabei dauerte ein Telefonat im Durchschnitt 19 Minuten, häufig hörten die Seelsorger eine Stunde lang zu. Mit der Zeit ließen die Anrufe aber nach, es bildeten sich sogenannte Stammanrufer heraus, die immer wieder die Nummer der Hotline wählten. Für die Organisatoren des Seelsorge-Telefons war das ein Zeichen dafür, dass ihre Arbeit vorerst getan war. Doch schon damals war klar: Wenn der Bedarf wieder steigt, kann das Projekt schnell wieder anlaufen. [caption id="attachment_54433" align="alignnone" width="780"] Einsamkeit ist nicht nur bei alten Menschen ein großes Thema. - Foto: VioletaStoimenova[/caption] Als nun die Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellten, war es für Anita Christians-Albrecht ein Leichtes, die Ressourcen aus dem Frühjahr erneut zu aktivieren. Die Pastorin ist eigentlich für die Altenseelsorge der Landeskirche Hannovers zuständig, sie arbeitet im Zentrum für Seelsorge und Beratung mit Sitz in Hannover-Kleefeld. Die Direktorin des Zentrums, Angela Grimm, hatte Christians-Albrecht mit der Projektleitung für die Seelsorge-Hotline beauftragt. Als die Pastorin im Frühjahr den ersten Aufruf gestartet hatte, meldeten sich 160 Pastoren, die eine zusätzliche Seelsorge-Ausbildung absolviert hatten. Auf die erneute Anfrage im Herbst reagierten ebenfalls zahlreiche Kollegen der Pastorin – allerdings waren nun auch einige wieder vom normalen Alltag eingespannt. Manche waren im Urlaub oder hatten mit der Arbeit in der Kirchengemeinde oder im Altenheim schon wieder gut zu tun. Dennoch reicht es, um zurzeit täglich in drei Schichten zwei Leitungen zu besetzen.
Das große Thema ist Einsamkeit. Und zwar nicht nur bei alten Leuten.
„Das große Thema ist Einsamkeit“, sagt Christians-Albrecht. „Und zwar nicht nur bei alten Leuten.“ Diese Erfahrung habe sie bereits in der ersten Phase gemacht, in der zweiten wiederhole es sich derzeit. Im Vergleich zur ersten Phase fällt der Pastorin allerdings auf, dass es nun weniger um die Themen Pflege oder Abschied gehe, sondern eher um allgemeine Sorgen und Probleme. Eigentlich hatte man sich auch deshalb überlegt, das Angebot jetzt wieder auszuweiten, weil bekannt war, dass es wieder mehr Berichterstattung über die Situation in Alten- und Pflegheimen während der Corona-Pandemie geben sollte. Die Kirchen fürchteten, dass die Fernseh-Berichte und eine ausführliche öffentliche Diskussion bei Betroffenen die Ängste und Sorgen aber auch die Trauer wieder zu Tage fördern könnten. Man dachte dabei vor allem an Angehörige, die keinen Abschied von sterbenden Verwandten haben nehmen können oder bei denen die Teilnehmerzahl bei der Trauerfeier begrenzt wurde.
Manche sagen, sie wissen gar nicht, wie es weitergehen soll.
Die Anrufe von Trauernden blieben zwar weitgehend aus, doch Christians-Albrecht stellt dieser Tage eine andere Entwicklung fest: „Wir merken schon, dass die Stimmung hoffnungsloser ist, düsterer. Vielen geht die Perspektive verloren.“ Während sich im Frühjahr und Sommer eher eine „Wir schaffen das“-Mentalität durchgesetzt habe, machten sich nun die Zukunftssorgen breit. Dabei gehe es nicht unbedingt immer um die Angst vor einer Infektion, es seien vielfach auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die nun spürbar werden. „Manche sagen, sie wissen gar nicht, wie es weitergehen soll.“ Christians-Albrecht hat beispielsweise mit einem jungen Familienvater telefoniert, der in Kurzarbeit ist. Zu den finanziellen Sorgen komme bei ihm nun hinzu, dass er zuhause auf relativ engem Raum mit seiner Familie leben muss. Dass jetzt in den Herbstferien die Kinder nicht mehr zur Schule gingen, sondern auch viel Zeit zuhause verbrachten, sorgte zusätzlich für Spannungen. „Es sind häufig die allgemeinen Probleme, die sich nun noch verschärfen“, sagt die Theologin: eine Suchtproblematik, Geldprobleme, das ganze menschliche Leben.
Es geht ums Zuhören und darum, dass die Betroffenen aussprechen können, was sie belastet.
Was rät man nun jemandem, der anruft und seine Sorgen schildert? „Rat zu geben, ist nicht der Weg, den wir gehen“, erläutert Christians-Albrecht das Vorgehen der Seelsorger. „Es geht ums Zuhören und darum, dass die Betroffenen aussprechen können, was sie belastet.“ Das Problem benennen zu können, einmal zu formulieren, was einem zu schaffen macht, sei häufig schon Hilfe genug. Die Seelsorge geht davon aus, dass die Menschen die Lösung schon in sich tragen, und sie selbst entdecken müssen. Nimmt der Seelsorger bestimmte Ressourcen bei seinem Gesprächspartner wahr, soll er sie würdigen und „ins Spiel bringen“. Ratschläge seien dabei meist nicht besonders hilfreich. Bis Ende dieser Woche will die Projektleitung nun entscheiden, ob die Seelsorge-Hotline weiterhin betrieben werden soll, oder ob der Bedarf doch nicht so groß ist. Der NDR, der den technischen Support für die Hotline leistet, wird erneut eine quantitative Auswertung vorlegen: Wie viele Anrufe gab es? Wie lange dauerten sie? Mussten viele Anrufe abgelehnt werden? Vielleicht stellt sich heraus, dass das Projekt vorerst wieder eingestellt werden kann. Denn die Umstände haben sich gewandelt seit der ersten Phase der Pandemie. Damals waren zahlreiche Angebote komplett abgesagt. Es gab Besuchsverbote in Alten- und Pflegeheimen. Heute sind alle besser auf die Situation vorbereitet. Es gibt Hygienekonzepte, Altenseelsorger können Angebote vor Ort machen, mit Schutzkleidung, Abstandsregeln oder Gottesdiensten im Hof. Noch ist die Situation nicht ganz so schlimm wie im April. Sollte sich das ändern, zum Beispiel wenn der Winter kommt, ist Anita Christians-Albrecht mit ihrem Team jedenfalls bereit. Von Niklas Kleinwächter
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #187.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter