11. Aug. 2026 · 
TagesKolumne

Zu müde zum Kochen

Die Kochboxen des Konzerns HelloFresh werden demnächst in Sachsen-Anhalt gepackt. Aus Verden kommen nur noch Fertiggerichte. Sagt das etwas über unser Energielevel aus?

Was waren wir ambitioniert in der Corona-Zeit! Wir haben unser Brot selbst gebacken, ein Hochbeet angelegt, ein Abo für Online-Fitnesskurse abgeschlossen. Und was ist daraus geworden? Ich zumindest bin zurück beim Toastbrot vom Discounter, im Beet wuchert das Unkraut und die neuen Turnschuhe liegen noch originalverpackt in der Abstellkammer. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Deutschen sich die Ermahnungen unseres Kanzlers zu Herzen genommen haben und ihren Fokus wieder demonstrativ auf Erwerbsarbeit gerichtet haben. Vielleicht sind wir auch einfach nur erschöpft.

Eine Frau arbeitet mit einer Hand am Laptop und hantiert mit der anderen mit einem Kochlöffel. Dabei telefoniert sie.
Den Bundeskanzler stolz machen und dabei noch selber kochen? Das schaffen nicht alle. | Foto: jackscoldsweat via GettyImages

Da passt es ins Bild, dass der Kochboxen-Gigant HelloFresh jetzt die Reißleine gezogen hat: Am Standort Verden werden keine Boxen mit frischen Zutaten zum Selberkochen mehr gepackt, die man sich online zusammenstellen kann. Stattdessen stellt eine Tochterfirma dort jetzt Fertiggerichte zum Aufwärmen her, wie Sie heute im Rundblick lesen. Ich sage es nicht gerne, aber während Corona war ich so euphorisiert von dem Kochbox-Konzept, dass ich sogar Aktien des Konzerns gekauft habe. Leider ist der Kurs nach Pandemieende ins Bodenlose gerauscht. Auf jeden Fall aber haben die Boxen meine Ehe verändert: Zwischen meinem Mann und mir hat sich eine feste Aufgabenteilung etabliert. Er ist der Schnippler, und ich übernehme das Zusammenfügen und Abschmecken der Komponenten. Nur noch sehr selten gibt es Unstimmigkeiten, bei denen wir uns gegenseitig vorwerfen: „Du hast nicht ins Rezept geguckt!“

Die Plattform-Ökonomie funktioniert prima, wenn alles funktioniert. Aber wehe, wenn ausgerechnet die veganen Filetstückchen in der Box fehlen, die das Herz des Gerichtes ausmachen. Am Anfang habe ich noch versucht, einen menschlichen Mitarbeiter in den Chat zu zerren, um ihn vollzujammern: "Jetzt musste ich doch noch kurz vor Ladenschluss zum Bioladen flitzen, und die Filetstückchen kosten dort viel mehr als das, was die Software mir als Trostpflaster gutgeschrieben hat." Aber inzwischen weiß ich: Mehr als Mitgefühl kann ich von einem menschlichen Chat-Agenten nicht erwarten. Besser, man hält die liebsten Zutaten zu Hause in Reserve bereit. Aber für das alles sind offenbar immer mehr Kunden zu müde und schieben sich lieber eine Portion „Mac and Cheese“ in die Mikrowelle.

Wir hoffen, Sie sind hellwach, wenn Sie unsere Themen sehen:

  • Wahlausschüsse: Vier AfD-Bewerber, die eigentlich Bürgermeister oder Landrat werden wollten, dürfen das nicht. Dieser Zustand beschäftigt dauerhaft die Rechtswissenschaft - mit viel Kritik an der Innenministerin.


  • Sondervermögen: Der Bund begleitet die Zusammenlegung und Modernisierung von Kliniken mit Zuschüssen. Niedersachsen ist jetzt, was die Bewilligung von Geldern angeht, führend.


  • Versiegeln oder nicht? Zwischen Energiewende, Wohnungsnot und Zeitenwende hält Niedersachsen am Flächensparziel fest – doch der planerische Spagat wird immer schwieriger.


  • Demografie: Die magische 8-Millionen-Grenze bei der Einwohnerzahl Niedersachsens ist Ende Januar 2026 unterschritten worden. Das geht aus aktuellen Zahlen des Landesamtes für Statistik hervor.


  • Außerdem: Spanier kaufen Verpackungshersteller, Wirtschaftslehrer gegen Meldeportal, SPD- und Grünen-Kandidaten von Vergangenheit eingeholt

Ich wünsche Ihnen ausreichend Energie für diesen Mittwoch!

Ihre Anne Beelte-Altwig

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #135.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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