Aus sicherer Quelle habe er erfahren, schreibt ein Bekannter in einem Instagram-Beitrag, dass dieses „Weihnachten“ sich schneller nähert, als man so denkt. Auf dem Foto zum Beitrag sieht man ein Metallgestell auf Laminat, vier Beine fest auf dem Wohnzimmerboden stehend. Er habe die geschenkte Stunde am vergangenen Sonntag sinnvoll genutzt, schreibt er weiter, für den Fall, dass „Weihnachten“ wieder so plötzlich auftaucht. Das zweite Foto zeigt seinen Hund, der neugierig oder skeptisch diesen Vierbeiner auf dem Wohnzimmerboden beschnuppert. Vorbereitung sei alles, schreibt der Bekannte … und damit hat er ja nicht mal unrecht. Die nächsten beiden Fotos zeigen, wie der Plastik-Tannenbaum sich langsam entfaltet, die Schnüre abwirft, die seine „Zweige“ keine elf Monate lang gebannt haben dürften. Da steht er nun also: ein Weihnachtsbaum im Oktober.
Das ist doch ragebait! – denke ich mir, weil ich dieses Jugendwort endlich verstehe. Und ich denke es seitdem bei jedem zweiten Beitrag, den ich im Social Web so entdecke. Der hat doch jetzt nicht wirklich einen Weihnachtsbaum aufgestellt! Im Oktober! Am 21. Sonntag nach Trinitatis! Bloß weil jetzt die Uhren auf Winterzeit gestellt wurden! Das meint der doch nicht ernst! Der will mich doch bloß foppen! Da falle ich aber nicht drauf rein! Der verwendet sicher nur die Fotos aus dem vergangenen Jahr! Denn auch dieser Bekannte hat doch kürzlich erst gelernt, was dieses „ragebait“ ist! Der will das sicher nur mal austesten! Ob er mich damit auf die Palme bringen kann! Affirmative Gesellschaftskunde! Die Ausrufezeichen sind die natürliche Reaktion auf ragebait: Es bringt mich in Rage, und zwar mit Absicht!

Der Tannenbaum meines Bekannten steht derweil nicht allein. Längst stehen sie überall. Als ich meinen kurzen Herbst-Urlaub antrat, ich berichtete, begrüßten mich auch in Lüneburg schon die ersten Tannenzweige, Holzhütten und Rindenmulch auf kaltem Steinboden. Ein Weihnachtsmarkt entstand. Es sollte der erste sein, der in diesem Jahr eröffnet wird, erfuhr ich später in den Nachrichten. Nennt sich natürlich Winterzauber oder Glitzerdorf oder so. Und statt Weihnachtsmann grüßt ein plüschiger Elchkopf überm Tresen. Elektrifiziert wackelt er hin und her und spricht und erzählt Märchen.
Tannenwälder stehen aber auch schon andernorts. In Hannover mussten gleich mehrere Biergärten vor der Zeit schließen, damit die Betreiber dort ihre Winterwälder aufbauen konnten. An diesem Freitag öffnen nun auch diese und bieten der Kundschaft Behaglichkeit in kleinen Bechern. Der Glühwein muss fließen, die Bratwurst muss knacken und der Lebkuchen ... na ja, der steht ja eh schon wochenlang im Supermarktregal. Beiträge darüber sind inzwischen so normal, da ragebaitet gar nichts mehr bei mir. Und doch grummle ich kulturpessimistisch in mich hinein: Da warte ich den ganzen Sommer lang auf den herrlichen Herbst und dann skippt die kommerzielle Welt noch vorm großen reformatorischen Kürbisfest aufs Winter Wonderland. Ich bin noch nicht so weit!
Auf Besinnlichkeit sind wir beim Rundblick auch noch nicht eingestellt. Hier kommen unsere tannenzweigfreien Themenvorschläge mit Erregungspotenzial für heute:
Ob Weihnachtsmarkt oder Halloweensause, Reformationstag oder Allerheiligen – ich wünsche Ihnen einen guten Start in dieses Wochenende. Und vielleicht feiern Sie ja auch Geburtstag. Happy Birthday, liebes Niedersachsen!
Ihr Niklas Kleinwächter


