Mein kurzer Herbst-Urlaub führte mich in der vergangenen Woche nicht in weite Ferne, zumindest vordergründig nicht. Da ich besser nicht mit dem Auto fahre, begrenzt die Deutsche Bahn meinen Reise-Radius. Bauarbeiten und Streckensperrungen erkoren Lüneburg zum geeigneten Zielbahnhof. Verlässt man das Sendegebiet nicht, ist’s kaum richtiger Urlaub, oder? Auf dem Weg zum Kloster Lüne stand ich jedenfalls kurz vorm Behördenzentrum, wo Polizei- und Schulbehörde und viele mehr untergebracht sind, und dachte: Hey, hinter diesen Fenster sitzen Menschen, die bestimmt gelegentlich den Rundblick lesen. Ein Gruß geht raus!
Und dann führte mich dieser Urlaub doch noch in weitere Ferne. Im „Ostpreußischen Landesmuseum“ lernte ich, wer die Prußen waren, was es mit den vielen Elchschaufeln in der Gegend auf sich hat und warum die Region einst als „Klein-Ostpreußen in der Lüneburger Heide“ bezeichnet wurde. Das Museum selbst ist ein Abbild der wechselvollen Geschichte unseres Landes. Gegründet als Ostpreußisches Jagdmuseum diente es anfangs nicht nur der Erinnerung, sondern auch der politischen Mobilisierung, die eine „Dreiteilung“ Deutschlands verhindern wollte. Später dann änderte sich der Geist des Hauses, aus dem Jagd- wurde ein Landesmuseum. Die Aussöhnung mit dem Osten wurde das Ziel.

Heute, wenige Tage vorm 80. Landesgeburtstag, erinnert mich das Museum daran, was unser Niedersachsen ausmacht und wo wir Niedersachsen herkommen. Ein Drittel der Niedersachsen habe Vorfahren aus den ehemaligen Ostgebieten, las ich dort. Das Nachkriegs-Kind Niedersachsen nahm damals mehr als 2,2 Millionen Menschen auf, davon 1,8 Millionen Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten – ein Viertel seiner damaligen Bevölkerungszahl. Wir haben so vieles geschafft. Auch wenn es damals sicher nicht allen gepasst hat, dass diese Fremden hierherkamen. „Was haben der Mond und Flüchtlinge gemeinsam?“, fragte man damals hämisch. „Sie kommen aus dem Osten und haben einen Hof“, lautete die nicht schmeichelhafte Antwort.
Niedersachsen, das sind die Oldenburger, die Braunschweiger, die Hannoverschen, das sind Osnabrücker, Emsländer, Lüneburger, Ostfriesen, Schaumburg-Lipper und Harzer. Es sind die aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien. Es sind auch die Türken und die Jesiden. Die aus Vietnam kamen, aus Syrien oder der Ukraine. Ein Vielvölkerstaat, von allem Anfang an, bis heute. In diesem sturmfesten und erdverwachsenen Land muss niemand weit reisen, um die Welt zu sehen.
Was dieses bunte Niedersachsen heute beschäftigt, haben wir hier aufgeschrieben:
Reisen Sie ins schöne Niedersachsen. Das ist groß – und weit!
Ihr Niklas Kleinwächter


