17. Apr. 2026 · 
MeldungSoziales

Wirbel um Integrationsverein: Justiz ermittelt wegen Verdacht auf Subventionsbetrug

Wo ist das Geld geblieben, das der Verein „Integrationsarbeit Kronsberg“ bekommen hat? Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt – und geht dem Verdacht des Subventionsbetrugs nach.

Das Büro des Vereins Integrationsarbeit Kronsberg in Hannover. | Foto: Lada

Der inzwischen im Insolvenzverfahren befindliche Verein „Integrationsarbeit Kronsberg“ liefert seit Wochen Gesprächsstoff in der Kommunalpolitik der Landeshauptstadt Hannover. Wo sind die Fördermittel in Höhe von mindestens 1,2 Millionen Euro geblieben? Am Freitag teilte die Staatsanwaltschaft Hannover auf Anfrage des Politikjournals Rundblick mit, dass sie jetzt gegen Verantwortliche des Vereins wegen Verdachts auf Subventionsbetrug und Untreue ermittelt. Auslöser sind zwei Strafanzeigen, eine davon stammt vom BAMF. Die Gründerin und frühere Vereinsvorsitzende Hülya Iri war jahrelang Vize-Chefin der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Hannover, sie legte Ende März aus gesundheitlichen Gründen ihr Mandat nieder. Wie jetzt außerdem bekannt wird, hat Iri im vergangenen Jahr ihre politische Stellung in der SPD dazu genutzt, sich vehement für Empfehlungsschreiben zugunsten der Förderung des von ihr gegründeten Vereins einzusetzen. Das geht aus einer Antwort der hannoverschen Stadtverwaltung auf eine CDU-Anfrage hervor.

Nach Angaben des Sprechers der Staatsanwaltschaft Hannover hat es inzwischen neun Anzeigen gegen die Verantwortlichen des Vereins "Integrationsarbeit Kronsberg" gegeben - acht anonyme und eine vom BAMF. Eine anonyme Anzeige sei sehr detailliert und enthalte den Vorwurf, mit Geldern des Vereins seien Immobilien erworben worden. "Das war so konkret, dass wir daraus einen Anfangsverdacht ableiten", sagte der Sprecher. Natürlich gelte aber die Unschuldsvermutung. Eine weitere Anzeige des BAMF, die vom 16. März datiert, wirft dem Verein Subventionsbetrug vor. Die bereitgestellten Mittel von 739.583 Euro seien "möglicherweise strafbar zweckwidrig verwendet" worden.

Die Vorgänge rund um diesen Fall lösen bereits seit Wochen große Nervosität in der hannoverschen SPD aus, zumal es Querverbindungen zwischen verantwortlichen Personen des Vereins und der SPD gibt. Vor wenigen Tagen hatten Hülya Iri, ihr Sohn und ihre Tochter erklärt, ihre SPD-Mitgliedschaft „vorläufig ruhen“ zu lassen. Sie kommen damit einem Parteiordnungsverfahren zuvor, das der Stadtverband Hannover gegen sie angestrengt hatte. Der Verdacht steht im Raum, der Verein könne Gelder zweckentfremdet haben.

Heikel sind die Querverbindungen des 2018 gegründeten Vereins in die Kommunalpolitik. Neben Iri hatten auch ihr Sohn und ihre Tochter Funktionen in der SPD. Die Tochter war Vize-Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, der Sohn engagierte sich bis vor einigen Monaten im Team des SPD-Oberbürgermeisterkandidaten Axel von der Ohe. Die Tochter hatte Ende 2024 den Vorsitz des Vereins übernommen, der Sohn soll zeitweise dort als Kassierer tätig gewesen sein. Aus der Antwort von Hannovers Personaldezernenten Lars Baumann auf eine Anfrage der CDU-Ratsfraktion geht nun folgendes hervor: Der Sohn wurde ab August 2024 als Sachbearbeiter im Fachbereich Soziales der Landeshauptstadt tätig, er war zuständig für Hilfen nach dem Sozialgesetzbuch. Im Juli 2025 gehörte er zu den Bewerbern für die Stelle des persönlichen Referenten von Ordnungsdezernent von der Ohe, es wurde aber jemand anders ausgewählt. Am 1. März 2026 wechselte er dann – befristet bis Ende 2026 – auf eine Stelle im Bereich von Ordnungsdezernent von der Ohe. Er ist für Prozessmonitoring, Controlling und Organisation zuständig. Das heißt: Der Sohn von Iri ist erst in jüngster Zeit hauptberuflich näher an den SPD-Oberbürgermeisterkandidaten von der Ohe herangerückt.

Das Neue Rathaus der Landeshauptstadt Hannover. | Foto: Link

Die Tochter von Iri wurde 2019 in den Fachbereich Soziales der Landeshauptstadt eingestellt, ließ sich erst als Erzieherin und dann als Verwaltungswirtin ausbilden. Sie war dann bis Ende 2025 in der Kraftfahrzeug-Zulassungsbehörde tätig.

Aus der Antwort der Landeshauptstadt auf die CDU-Anfrage werden noch weitere neue Details deutlich: Das von Sylvia Bruns geleitete Sozialdezernat im Rathaus hatte im Januar 2022 und im März 2025 zwei Empfehlungsschreiben für den Verein abgeschickt – 2022 an das BAMF und 2025 an die Landesverwaltung. Beim Land ging es um zwei Vollzeitstellen für die Migrationsberatung. Der Verein habe dann nach weiteren Empfehlungsschreiben gefragt – unter anderem für einen neuen Antrag beim BAMF. Dies habe die Stadtverwaltung aber abgelehnt. Dabei habe sich Iri in ihrer Funktion als Vize-Fraktionschefin der SPD-Ratsfraktion „mit Nachdruck“ im Dezernat von Sylvia Bruns für ein Empfehlungsschreiben eingesetzt. Der SPD-Stadtverband Hannover hatte schon im Juli 2024 einen allgemeinen Hinweis erhalten, wonach im Verein "Integrationsarbeit Kronsberg" Fördergelder zweckentfremdet sein sollen. Das Sozialministerium in Hannover erklärte jetzt auf Nachfrage, die bisherige Bezuschussung werde überprüft. Noch sei es zu früh, rechtliche Schritte oder Rückforderungen einzuleiten.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #073.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum

Artikel teilen

Teilen via Facebook
Teilen via LinkedIn
Teilen via X
Teilen via E-Mail
Wirbel um Integrationsverein: Justiz ermittelt wegen Verdacht auf Subventionsbetrug