17. Sept. 2018
Kommentar

Wir brauchen eine neue Sozialpartnerschaft für Ausbildung

Darum geht es: Das Handwerk in Niedersachsen hat in diesem Jahr mehr Auszubildende für sich gewinnen können. Trotzdem konnten 60 Prozent der Betriebe einer Umfrage zufolge ihre Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzen. Ein Kommentar von Martin Brüning. Die Zeit des Jammerns ist vorbei. Jahrelang wurde über die angeblich mangelhafte Ausbildungsfähigkeit der Jugend geklagt. Früher waren einmal die Haare zu lang, später waren die jungen Menschen in Mathe zu schlecht, außerdem noch unpünktlich und unzuverlässig. Vom Professor bis zum Dachdeckermeister wurde darüber geklagt, was Schulen und Eltern angeblich nicht hinbekommen hätten. Doch das Wehklagen über die Jugend, das häufig genug auch ungerechtfertigt war, findet in den Zeiten des Fachkräftemangels ein Ende. Inzwischen ist die große Mehrheit der Betriebe froh, wenn sie noch Nachwuchs für sich gewinnen können, damit es überhaupt weitergehen kann. Und, oh Wunder: laut einer Umfrage sind 86 Prozent der Handwerksbetriebe in Niedersachsen mit ihren Auszubildenden zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Gelobt werden vor allem die sozialen Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Motivation. Und wo es den Auszubildenden an Kompetenzen fehlt, zum Beispiel beim Rechnen oder dem mündlichen oder sprachlichen Ausdruck, nehmen die Betriebe die Sache inzwischen selbst in die Hand. Richtig so! Man kann natürlich nach wie vor über das Teil-Versagen des Staates und der Elternhäuser, wenn es denn überhaupt so ist, klagen. Man kann sich aber auch einfach engagieren. Und das wäre auch schon ein paar Jahre früher möglich gewesen. Aber in vielen Betrieben mahlen die Mühlen häufig eben auch nicht so viel schneller als im niedersächsischen Kultusministerium, auch wenn das nicht so ganz ins betriebsinterne Selbstbildnis passt. https://soundcloud.com/user-385595761/handwerksbetriebe-in-niedersachsen-loben-ihre-azubis Das Handwerk hat vieles richtig gemacht, um in Zeiten, in denen der Trend die jungen Leute erst aufs Gymnasium und dann auf die Hochschule zieht, Auszubildende und Fachkräfte für sich zu gewinnen. Ein Plus von 3,6 Prozent bei den Ausbildungsverträgen macht das ebenso deutlich wie die Entwicklung des Anteils der Abiturienten bei den Auszubildenden. Er lag im Jahr 2010 noch bei 4,9 Prozent und hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr hatten fast 12 Prozent der Handwerker-Azubis das Abi in der Tasche. Mehr Offenheit bei Bewerbern, mehr Flexibilität in der Ausbildung und hier und da noch ein kleiner finanzieller Anreiz wie eine finanzielle Beteiligung beim Führerschein oder ein Handyvertrag: das ist zunächst einmal das richtige Rezept, um weiterhin junge Menschen für sich gewinnen zu können. Aber es wird voraussichtlich nicht ausreichen.
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Denn abseits der Aufgaben für die Politik müssen sich auch die Sozialpartner überlegen, wie sie bestimmte Branchen gemeinsam im Wettbewerb attraktiver machen können, und das betrifft nicht allein das Handwerk. Das alte Spiel, bei dem die Gewerkschaft auf Pressekonferenzen darstellt, wie schlimm es in einer Branche angeblich zugeht, während die Arbeitgeberseite an einer Hochglanz-Werbekampagne bastelt, um Fachkräfte zu gewinnen, wird nicht mehr funktionieren. Die Betriebe werden so keine zusätzlichen Fachkräfte und die Gewerkschaft keine weiteren Mitglieder gewinnen. Stattdessen müssen beide Seiten gemeinsame Lösungen finden. Die Arbeitgeber müssen ein handfestes Interesse daran haben, schwarze Schafe in den eigenen Reihen einzufangen, die den Ruf einer gesamten Branche in Mitleidenschaft ziehen können. Und die Gewerkschaften müssen versuchen, wieder am Verhandlungstisch zu guten Lösungen für die Beschäftigten zu kommen. Für diese Branchen braucht es eine Sozialpartnerschaft für Ausbildung. Keine Branche kann sich mehr einen schlechten Ruf erlauben. Um das zu ändern, brauchen die Arbeitgeber die Gewerkschaften. Und die Gewerkschaften können es nicht ohne die Arbeitgeber ändern. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #163.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum