26. Apr. 2018 · 
Bildung

„Wie war eigentlich Ihre Schulzeit, Herr Minister Tonne?“

Von Isabel Christian Journalist ist ein schillernder Beruf. Man kennt lauter wichtige Persönlichkeiten, erfährt Neuigkeiten als Erster und schreibt Texte, die später Hunderte Menschen lesen. Aber wie sieht der Alltag eines Journalisten eigentlich genau aus? Fünf Schüler wollten das genauer wissen und haben den gestrigen Zukunftstag genutzt, um beim Politikjournal Rundblick mal in die Rolle eines Reporters zu schlüpfen. Und die drei Mädchen und zwei Jungen hatten auch gleich einen Termin bei einem illustren Gesprächspartner. Kultusminister Grant Hendrik Tonne empfing die Nachwuchsreporter zum Interview in seinem Ministerbüro. Von Schüchternheit keine Spur, bewiesen die Schüler ein Talent, auch kritisch nachzufragen.

„Herr Tonne, warum muss man eigentlich in der Schule so viele Dinge lernen, die einen gar nicht interessieren, aber kaum praktische Sachen, wie man zum Beispiel Verträge oder eine Steuererklärung macht?“, eröffnet die 15 Jahre alte Hannah das Interview. Der Kultusminister schluckt kurz, dann lächelt er. „Na ja, das Problem ist, dass es bei jedem unterschiedlich ist, was man mag und was nicht“, sagt der Politiker. Allein wenn man in der Runde um seinen Tisch herum fragen würde, wäre das Ergebnis sehr unterschiedlich. „Für die Schule wäre das organisatorisch ganz schön schwierig, alle diese Interessen unter einen Hut zu bringen“, sagt Tonne. Deshalb solle die Schule in erster Linie Allgemeinwissen vermitteln, auf dem dann Berufsschule oder Universität aufbauten. „Denn wenn ihr gedacht habt, dass das Lernen nach der Schule zu Ende ist, muss ich euch leider enttäuschen“, erklärt der Minister und hebt entschuldigend die Hände. „Denn eigentlich lernt man sein Leben lang.“ Aber zum Allgemeinwissen gehörten nun mal auch Geschichtszahlen, Vokabeln und Gleichungen. Verträge und Steuererklärungen dagegen würden nicht gelehrt, weil darin so viel Veränderung steckt. „Die Art, wie wir heute Verträge machen, wird bei euch ganz anders sein“, prognostiziert der Sozialdemokrat. [gallery columns="6" link="file" ids="32213,32212,32216,32215,32214,32211"] Jakob nutzt die Situation, um dem Kultusminister ein paar persönliche Informationen zu entlocken. „Was hätten Sie denn als Schüler gern geändert?“, fragt der 13-Jährige. Tonne überlegt, dann sagt er: „Die Ausstattung unserer Schule, darüber haben wir uns wohl am häufigsten aufgeregt.“ Er erzählt von einem Morgen, als er und seine Mitschüler in den Klassenraum kamen und eine große Platte der Deckenvertäfelung vorfanden, die auf einen Stuhl und ein Pult gestürzt war. „Der Raum wurde natürlich gleich gesperrt und später saniert, aber dadurch hatten wir lange einen Raum weniger.“ Was ihm damals nicht so bewusst war, er im Nachhinein aber gern geändert hätte, ist die Art des Unterrichts. „Ich war kürzlich im Französischunterricht eines Gymnasiums zu Gast und die Stunde war viel moderner und interaktiver gestaltet. Das hat mich sehr beeindruckt“, schwärmt Tonne. Bei ihm hätten die Lehrer in der Regel 45 Minuten selbst geredet, während die Schüler „nur mit halbem Ohr“ zugehört hätten.

Ich glaube, ich war weder ein besonders guter noch ein besonders schlechter Schüler.


Grant Hendrik Tonne
Darüber will Greta mehr wissen. „Wie war eigentlich Ihre Schulzeit? Waren Sie gut in der Schule?“, fragt sie. „Ich glaube, ich war weder ein besonders guter noch ein besonders schlechter Schüler“, gibt Tonne zu. Es habe Zeiten gegeben, in denen er Spaß an der Schule hatte, und Zeiten, in denen er sie als lästige Pflicht empfand. Dabei habe er auch die eine oder andere negative Erfahrung gemacht. So habe er etwa das Vokabellernen vernachlässigt und sich deshalb noch jahrelang im Sprachunterricht quälen müssen. „Aber so in der neunten Klasse, da habe ich dann die Kurve bekommen und gemerkt, dass mich mit dem frühen Aufstehen, den Vokabeln und den Hausaufgaben keiner quälen will, sondern dass ich aus gutem Grund zur Schule gehe.“ Tonnes Bemerkung über das frühe Aufstehen hat Sophia aufhorchen lassen. Auch sie ist davon genervt, dass die Schule immer so früh beginnt. „Können Sie da nicht etwas machen?“, fragt sie. Der Kultusminister schüttelt bedauernd den Kopf. „Das ist den Schulen selbst überlassen“, sagt er. Allerdings habe das Land den Schulen eine Grenze gesetzt: Der Unterricht darf nicht vor 7.30 Uhr beginnen. Nick will nun wissen, wie Tonnes täglicher Plan aussieht. „Haben Sie sich die Arbeit als Minister so vorgestellt?“, fragt der 12-Jährige. „Nein. Aber das liegt daran, dass die Arbeit anders aussieht, wenn man als Abgeordneter darauf schaut, als wenn man sie dann selbst macht.“ „Aber wo ist denn nun der Unterschied?“ bohrt Nick nach. Es sei alles viel arbeitsintensiver, als er es sich vorgestellt hatte, sagt Tonne. „Seht ihr, was da versteckt hinter meinem Schreibtisch liegt?“ Interessierte Blicke auf den Aktenstapel am Boden. „Akten wie diese schleppen meine Mitarbeiter den ganzen Tag hier rein“, sagt Tonne. Und er müsse dafür sorgen, dass möglichst viele dieser Mappen das Büro am gleichen Tag auch wieder verlassen. „Wenn Plenarwoche ist, dann gewinnen meine Mitarbeiter dieses Spiel, denn ich habe kaum Zeit. Und wenn ich dann am Montag wieder ins Büro komme, ist der Stapel gefühlt riesig“, sagt er. Gut gefüllt wären mittlerweile auch die Blöcke, wenn die jungen Reporter Tonnes Antworten mitgeschrieben hätten, wie es Journalisten sonst tun. Doch die Schüler hatten sich auf ein anderes Medium geeinigt: Jakob baut die Kamera auf und Sophia hält dem Kultusminister das Rundblick-Mikrofon unter die Nase. „So, und jetzt nochmal für unsere Zuhörer“, sagt sie und wiederholt eine der Fragen aus dem Interview. Mit O-Ton auf Band und zahlreichen Selfies mit dem Minister auf dem Handy verlassen die fünf schließlich das Kultusministerium. „Das war wirklich cool“, sagt Greta. Und erntet von den Anderen Zustimmung.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #80.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning

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