4. Mai 2020
Wirtschaft

Wie EWE den wirtschaftlichen Wiederaufbau fördern kann

Die Mitteilung ist wenige Tage alt, aber in ihrer Form schon überraschend, trotz der Corona-Krise, die eigentlich alles andere überschattet: Der Oldenburger Energiekonzern EWE und die ostfriesische Windkraftfirma Enercon in Aurich wollen Ende des Jahres ein gemeinsames Unternehmen gründen. Ziel ist es, zusammen die bisherigen Windparks im EWE-Gebiet zu betreiben – und weitere hinzuzubauen, den Bestand sogar zu verdoppeln. Das ist in mehrfacher Hinsicht eine gute Nachricht. EWE ist ein leistungsfähiges und innovatives Unternehmen, mehrheitlich in kommunaler Hand. Enercon war jüngst von der Krise heimgesucht worden und muss 3000 Stellen abbauen, gerätselt wird über Managementfehler und mangelnde Innovation. Klar ist aber auch, dass der stockende Ausbau der Windenergie in Deutschland die Aussichten von großen Windkraftbetreibern eingetrübt hat und wohl auch seinen Teil beiträgt zur Krise bei Enercon. https://www.youtube.com/watch?v=VdiqtoabgLs&t=7s Kommt nun die Rettung? Den Markt kann auch ein Joint-Venture wie dieses nicht außer Kraft setzen. Enercon koppelt nur seinen Windpark-Teil aus, die Produktion der Windräder bleibt in eigener Regie. Sollten Windkraftanlagen von Enercon nicht wettbewerbsfähig sein, würde auch die neue Firma als Auftraggeber daran wenig ändern können – dann hätte die Konkurrenz sicher den Vorzug. Das ist die eine, nüchterne und wirtschaftliche Seite. Die andere ist die Innovationskraft von EWE, einem Unternehmen in kommunaler Hand, das bisher immer wieder mit klugen und womöglich weitsichtigen Weichenstellungen auf sich aufmerksam machen konnte. Ist das womöglich beispielgebend für ein wirtschaftspolitisches Modell für die Zeit nach der Corona-Krise, wenn es darum geht, den Neuaufbau jetzt siechender Branchen in die Wege zu leiten – in einem Verbund von regionalen Betrieben und kommunaler, also auch staatlicher Beteiligung? Von den bisherigen Plänen darauf zu schließen, wäre wohl übertrieben. Denn die aktuelle Entwicklung hat wenig mit Corona zu tun, hier spielt vielmehr ein anderes Thema eine große Rolle, das durch den Virus an den Rand gedrängt wurde – der Klimawandel und die damit verbundene Notwendigkeit, die Windenergie auszubauen trotz der Widerstände aus dem Süden der Republik.

Neue strategische Ziele

Dass EWE in dieser Debatte mal eine Schlüsselrolle übernehmen könnte, war zwar bisher nicht absehbar und ist schon überraschend. Aber der Konzern ließ trotzdem vor Monaten bereits aufhorchen, in anderer Hinsicht. Die Wahl eines neuen Minderheitsaktionärs kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr hatte Spekulationen belebt, der Oldenburger Konzern könne neue strategische Ziele anpeilen. Dazu muss man wissen, dass der Energieversorger sich schon lange nicht mehr nur als Energieversorger sieht, sondern als wichtiger Baustein in der Finanzierung und Aufrechterhaltung der Infrastruktur im Versorgungsgebiet – das ist die Ems-Weser-Elbe-Region mit dem Oldenburger Land und den Bereich um Bremen, der sich Zug um Zug nach Osten ausweitete. Die Geschäfte von EWE reichen bis nach Brandenburg und in Teile Polens. 74 Prozent der Eigentümer sind niedersächsische Kreise und aus dem Weser-Ems-Raum und dem Hamburger Umland. Da EWE traditionell immer darauf bedacht war, nicht nur im eigenen kommunalen Saft zu schmoren, gab es stets auch eine Minderheitsbeteiligung. Sie liegt bei 26 Prozent, ist also mit Sperrminorität ausgestattet. Der Minderheitsteilhaber hat damit die Chance, gegen strategische Weichenstellungen sein Veto einzulegen. Anders ausgedrückt: Die Mehrheit muss ihn stets beteiligen und einbinden. https://www.youtube.com/watch?v=7ZWHidiGsSE&t=8s Über die Jahre hat der Minderheitsteilhaber öfter gewechselt, es waren mal E.on, die Preußen-Elektra und die EnBW in Baden-Württemberg, die eine Über-Kreuz-Beteiligung an Verbundnetz Gas Leipzig sicherstellte. EnBW schied wieder aus, die EWE-Mehrheitseigentümer übernahmen Teile davon zunächst – und dann kam in der Adventszeit 2019 die große Überraschung: Neuer Minderheitseigentümer wird der französische Finanzkonzern Ardian – der sich bisher weniger im Energiesektor und mehr als Finanzierer von Flughäfen, Autobahnen, Parkhäusern und Elektromobilität hervorgetan hatte. Immerhin hat Ardian den Ruf, ein strategisches Interesse mit seinen Beteiligungen zu verfolgen. „Das ist eine Blaupause für die Beteiligung dieses Konzerns ans kommunalen Energieunternehmen“, sagt EWE-Sprecher Christian Blömer auf Anfrage des Politikjournals Rundblick. Da Ardian das Geld von Finanzanlegern verwaltet und vermehrt, kann diese Beteiligung auch als ein Schritt verstanden werden, privat angehäuftes Kapital für öffentliche Investitionen nutzbar zu machen. Das ist allerdings, muss hinzugefügt werden, die Sichtweise aus einer Zeit vor Beginn der Corona-Krise. In der Nach-Corona-Zeit sind womöglich, je nach Ausprägung der Wirtschaftskrise, neue Weichenstellungen nötig. Sehr zufrieden mit der Entwicklung zeigt sich der Landtagsabgeordnete Heiner Schönecke aus dem Kreis Harburg, der Vize-Vorsitzender des EWE-Aufsichtsrates ist.

Zweifel am neuen Partner aus Frankreich

Möglich wäre etwa, EWE als umfassenden Dienstleistungsanbieter für alle Haushalte zu etablieren, denn schon seit mehr als 20 Jahren bietet das Unternehmen über EWE-Tel auch Telefondienstleistungen an. Wenn dann im Norden Niedersachsens am Ende Strom, Gas und Telekommunikation von EWE angeboten werden, kann das ein Modell für die Zukunft sein. Von geplanten Milliardeninvestitionen in den kommenden zehn Jahren gemeinsam von Telekom und EWE ist die Rede. Dem Oldenburger Konzern kommt dabei zugute, dass er anders als Wettbewerber keine Altlasten in Form von Kernkraft- und Kohlekraftwerken mit sich herumschleppt, außerdem ist das gesamte Stromnetz unterirdisch verlegt – trotz der Dezentralität im Weser-Ems-Raum und im Hamburger Umland ist die Infrastruktur schon heute vergleichsweise weit gediehen. Es gibt auch Kritiker der EWE-Strategie, die den neuen Partner Ardian eher skeptisch beäugen – beispielsweise der Oldenburger Rechtsanwalt und Linken-Ratsherr Hans-Henning Adler. Er sei nicht sicher, sagt Adler gegenüber dem Politikjournal Rundblick, ob Ardian nicht irgendwann kurzfristige Renditeerwartungen über strategische Ziele stelle. Das Interesse der Kommunen als Haupteigentümer sei es aber, mit langfristigen Investitionen eine dauerhaft günstige Energieversorgung sicherzustellen. „Deshalb wäre es vielleicht besser gewesen, den Minderheitsanteil in Streubesitz zu verwandeln, damit der kommunale Einfluss nicht gefährdet wird“, sagt er. (kw)
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #084.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter