Wahlen werden in der Mitte gewonnen, heißt es. Im niedersächsischen Kommunalwahlkampf lässt sich diese Mitte inzwischen ziemlich genau verorten: Sie befindet sich zwischen den beiden Hälften eines frisch getoasteten Fladenbrots. Wer Oberbürgermeister werden oder bleiben will, muss heutzutage nicht mehr wissen, wie ein Haushaltsplan funktioniert. Er muss möglichst unfallfrei Fleisch vom Drehspieß schneiden können.
Im hannoverschen OB-Wahlkampf griff Peter Karst als Erster zum Dönermesser. Unter dem Motto „Karst Kebab“ lud der CDU-Kandidat am letzten Schultag vor den Sommerferien zum Gratis-Döner und stellte sich selbst hinter den Tresen. Die ersten 100 Portionen gingen auf ihn. Amtsinhaber Belit Onay ließ diese Attacke auf seine Kernkompetenz nicht unbeantwortet. Der Grünen-Politiker, der nach eigener Aussage „schon als Kind Döner geschnitten“ hat, verteilte daraufhin ebenfalls 100 Gratis-Portionen.
Das ist die politische Richtungsentscheidung, auf die Hannover gewartet hat: Karst oder Onay, CDU oder Grüne, Hähnchen oder Kalb. Nur SPD-Kandidat Axel von der Ohe muss aufpassen, dass der Wahlkampf nicht gegessen ist, bevor er seine Bestellung aufgegeben hat. Der SPD-Kandidat hat zwar auch kostenloses Mittagessen im Programm. Von der Ohe meint damit allerdings die Mahlzeiten in den Grundschulen. Da muss dann doch die Frage gestattet sein: Kann dieser Mann überhaupt Stadtoberhaupt – mit alles und scharf?
Laut meiner TikTok-Recherche wurde der Dönerwahlkampf allerdings nicht in Hannover erfunden, sondern kam über Wolfsburg nach Niedersachsen. Dort hatte Oberbürgermeister Dennis Weilmann bereits im April gemeinsam mit der CDU den Dönerpreis in einem Innenstadt-Imbiss auf drei Euro gedrückt. Der Gastronom spielte gerne mit. Dass man hohe Preise nicht senken muss, wenn stattdessen jemand anderes den Kauf bezuschusst, ist in der VW-Stadt schließlich ein äußerst beliebtes Geschäftsmodell.
Inzwischen hat sich das neue Wahlkampfformat im Land ausgebreitet. In Wunstorf und Isernhagen bremste die SPD den Dönerpreis auf 3,50 Euro, in Ilsede auf drei Euro. Braunschweigs Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (SPD) wollte ebenfalls in die werbewirksame Dönersubvention einsteigen, sagte seine Fünf-Euro-Aktion aber kurzfristig „aus terminlichen Gründen“ ab. Damit scheiterte die Dönerpreisbremse dort schon vor ihrer Einführung – näher ist bislang keine Wahlkampfaktion an die politische Wirklichkeit herangekommen.
Erstaunlich realitätsnah war auch Jörg Nigge in Celle unterwegs. Der Oberbürgermeister verzichtete auf eine Preisbremse und ließ stattdessen sein Gesicht auf 50.000 Bögen Dönerpapier drucken. Damit transferierte er ein bewährtes Prinzip aus dem Politikbetrieb erfolgreich in den Wahlkampf: Das vermeintliche Geschenk aus der Politik bezahlt der Bürger am Ende wie immer selbst. Immerhin weiß er diesmal aber ganz genau, bei wem er sich bedanken kann.

Mit vergünstigtem Döner können auch wir leider nicht aushelfen. Dafür haben wir folgende Themen, um zumindest Ihren Lesehunger zu stillen:
Besonders gutes Abschneiden wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link


