14. Dez. 2020
Soziales

„Wer staatliche Hilfe in Anspruch nimmt, schließt keine Standorte“

Die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie kommen bisher leidlich gut durch die Corona-Krise, machen sich aber große Sorgen um ihre berufliche Zukunft. Das geht aus einer Umfrage der IG Metall hervor, an der sich bundesweit mehr als 250.000 Beschäftigte aus mehr als 6700 Betrieben beteiligt haben. Jeder zehnte Umfrageteilnehmer kam aus Niedersachsen. Fast die Hälfte der Befragten im IG Metall-Bezirk Niedersachsen/Sachsen-Anhalt ist oder war in Kurzarbeit, bundesweit sind es sogar 54 Prozent. „Die Kurzarbeit hat in der Krise einen massenhaften Stellenabbau verhindert“, sagte der niedersächsische IG-Metall-Chef Thorsten Gröger am Montag in Hannover. [caption id="attachment_55937" align="alignnone" width="780"] „Die Kurzarbeit hat in der Krise einen massenhaften Stellenabbau verhindert“, sagt der niedersächsische IG-Metall-Chef Thorsten Gröger - Foto: MB.[/caption] In der Umfrage geben 94 Prozent an, froh darüber zu sein, dass durch die Kurzarbeit ihr Arbeitspatz erhalten bleibt. Zugleich bereitet den Beschäftigten der Wandel in der Industrie große Sorgen. In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sehen 84 Prozent ihren Arbeitsplatz als gefährdet an. Die aktuelle Verunsicherung reicht tief bis in die Stammbelegschaften, konstatiert die Gewerkschaft. Sie sieht bei den Arbeitgebern fehlende Strategien und eine mangelhafte Information der Mitarbeiter. Die Umfragedaten und Erhebungen der IG Metall geben darüber hinaus weitere Hinweise zur Lage der Branche. Wirtschaftliche Situation: Nach dem tiefen Corona-Loch erholt sich die Metall- und Elektroindustrie seit Mitte 2020 langsam wieder. Alle Wirtschaftsinstitute gingen von einer deutlichen Erholung in den nächsten beiden Jahren aus, erklärte Gröger am Montag. Dabei werde allerdings unterstellt, dass der private Konsum einen nennenswerten Wachstumsbeitrag bringt, gerade er sei aber im dritten Quartal die stärkste Bremse gewesen. Für Gröger aus Gewerkschaftssicht ein deutliches Signal für die anstehenden Tarifverhandlungen. Schwierige Zukunftsaussichten: Noch schärfere CO2-Grenzwerte, digitale Geschäftsmodelle: Der Wandel in der Industrie, vor allem in der Auto-Branche, setzt Unternehmen und Beschäftigte unter Druck. Laut Gröger steigt die Zahl der Unternehmen, die einen Stellenabbau ankündigen. Stattdessen sollten die Firmen vielmehr tragfähige Konzepte für die Zukunft entwickeln, fordert Gröger. „Es kann nicht sein, dass die Unternehmen, die gerade staatliche Hilfe in Anspruch genommen haben, nun Druck auf die Beschäftigung ausüben. Wer staatliche Hilfe in Anspruch nimmt, der entlässt nicht, verlagert nicht, und der schließt auch keine Standorte“, machte der IG Metall-Chef deutlich. Thomas Müller, bei der Gewerkschaft für Wirtschafts- und Strukturpolitik zuständig, brachte noch einmal einen Transformationsfonds auf Landesebene ins Gespräch, der vor allem für kleine und mittlere Unternehmen wichtig sein könnte. Es gebe Betriebe, denen auf der Strecke das Eigenkapital auszugehen drohe. https://www.youtube.com/watch?v=kVkPPdQe4OU&feature=youtu.be Option der 4-Tage-Woche: Die IG Metall will mit der 4-Tage-Woche viele Jobs in der Branche retten. Der Umfrage nach halten über zwei Drittel der Beschäftigten diese Möglichkeit für wichtig oder sehr wichtig. „Es geht nicht darum, mit der Gießkanne flächendeckend die 4-Tage-Woche einzuführen“, erklärte Gröger. Er sieht das Instrument aber als gute Möglichkeit, nicht nur die Corona-Krise, sondern auch den Wandel in der Industrie abzumildern. „Wir brauchen eine deutlich längere Brücke. Wir müssen Situationen auffangen, in denen das Beschäftigungsvolumen nicht ausreicht, ohne dass es dann gleich zu Massenentlassungen kommt.“ Die IG Metall fordert bei einer 4-Tage-Woche einen Teil-Entgelt-Ausgleich. Zudem müsse es attraktive Arbeitszeitmodell geben, bei denen auch Zeit für Weiterbildung eine wichtige Rolle spielen müsste. Home-Office: Das Thema mobile Arbeit kommt bei der Mehrheit der Beschäftigten zunächst einmal gut an, gut zwei Drittel würden die Möglichkeit auch in Zukunft gerne regelmäßig  nutzen. Gröger hält das für eine positive Entwicklung, zugleich gibt es aus seiner Sicht aber auch Regelungsbedarf. Dabei nennt er die Stichworte Gesundheitsschutz, Versicherungsschutz, vernünftige Ausstattung. Es sei kein dauerhafter Zustand, wenn man mit dem Notebook am Küchentisch bei schlechter Haltung und bei schlechtem Licht sitze. Hier sei eine entsprechende Regulierung durch Politik und Tarifparteien notwendig.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #226.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter