In der Pandemie bleiben viele Menschen den Arztpraxen lieber fern und vernachlässigen dabei offenbar auch Vorsorgeuntersuchungen. Experten im Gesundheitswesen bereitet das schon seit längerem Sorge. Zahlen der Techniker-Krankenkasse zeigen jetzt einen Rückgang bei den Vorsorgeuntersuchungen im vergangenen Jahr. Demnach gab es beim Mammographie-Screening im zweiten Quartal vergangenen Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Rückgang um 55 Prozent. Die Zahl der Frauen, die bei der Krankenkasse versichert sind und Anspruch auf einen Früherkennungstermin auf Gebärmutterhalskrebs haben, ging im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Fünftel zurück. Und auch der allgemeine Check-up zur Gesundheitsvorsorge sank im ersten Halbjahr um fast die Hälfte. In Niedersachsen bestätige sich damit ein bundesweiter Trend, stellt Dirk Engelmann, Leiter der Landesvertretung der Techniker-Krankenkasse, fest. Noch sei nicht klar, ob die Untersuchungen möglicherweise nach dem zweiten Lockdown nachgeholt wurden. Engelmann appelliert aber an die Versicherten: „Die Pandemie ist kein Grund, auf eine Vorsorgeuntersuchung zu verzichten."
Thela Wernstedt, SPD-Landtagsabgeordnete und Ärztin, warnt davor, dass eine totale Fokussierung auf nur eine Erkrankung in der Gesellschaft zu Kollateralerscheinungen führen kann. Ob mit oder ohne Lockdown gebe es derzeit Ängste in der Bevölkerung, sich beim Besuch einer Praxis dem Risiko ein Covid-Infektion auszusetzen. „Wenn sich aber zu viele gegen eine Vorsorgeuntersuchung entscheiden, kann das negative Folgen haben. Verschleppte Frühstadien von Krebs können zu schwereren Verläufen und unter Umständen auch zu mehr Todesfällen führen“, warnt Wernstedt im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick. Statistiken dazu gibt es bisher nicht. Man werde das erst in ein paar Jahren rückblickend genauer beurteilen können, so Wernstedt. Zu kritisieren sei aber, dass derzeit nach wie vor der Fokus auf die „biologischen Fragestellungen rund um das Corona-Virus“ gerichtet sei. „Die Folgen für die Gesellschaft werden zu wenig in den Blick genommen“, meint die SPD-Politikerin. Sowohl mit ausbleibenden Vorsorgeuntersuchungen als auch mit dem Verschieben von Behandlungen durch andere Prioritätensetzungen in den Krankenhäusern befasst sich der Sonderausschuss des Landtags zur Pandemie. Professor Michael Baumann, Vorstandschef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, warnte kürzlich im Ausschuss vor „sekundären Schäden“
durch die Corona-Pandemie. Die Langzeitfolgen, die betroffenen Patienten durch ausgefallene Operationen, sowie ausgefallene Vorsorge- und Kontrolluntersuchungen erlitten, dürfen laut Baumann nicht vernachlässigt werden. „Gerade in einer akuten Pandemie-Situation ist unklar, ob alle Patienten, die eine dringend nötige medizinisch Behandlung bräuchten, diese auch erhalten, und ob die Verzögerung oder Absage der Behandlung und Operationen langfristig zu einer erhöhten Anzahl an Todesfällen durch unerkannte oder unbehandelte Krankheiten kommt“, so der Mediziner. Er warnte vor einer „nicht abzusehenden Bugwelle an schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen nach Ende der Pandemie“, sollten Patienten aufgrund der Corona-Pandemie vernachlässigt werden.
Gleichzeitig führt die Pandemie offenbar in einem anderem Bereich zu weniger Erkrankungen. Die Barmer-Krankenkasse teilte am Mittwoch mit, dass sich die Zahl der Krankschreibungen wegen Grippe mehr als halbiert habe. „Die Abstand- und Hygieneregeln zum Schutz vor Corona senken offensichtlich auch das Influenza-Risiko“, sagte Barmer-Landesgeschäftsführerin Heike Sander. Auch nach Angaben des Robert-Koch-Instituts gibt es in diesem Winter bisher deutlich weniger Grippe-Erkrankte.


